# taz.de -- Der Bullshit-Wort-Check Folge 15: „Ehrlicherweise“
       
       > Was taugt dieser Begriff für das Verständnis der Gegenwart? taz FUTURZWEI
       > testet Standards des politischen Sprechens. Heute: Ehrlicherweise.
       
 (IMG) Bild: Ist der Amtseid nicht genug? „Ehrlicherweise“ ist eine beliebte Polit-Floskel geworden.
       
       [1][taz FUTURZWEI] | In unseren einfachen Kreisen sagt man „also, ehrlich“
       oder „ganz ehrlich“, aber in den Grünensprech-Milieus hat sich neben „Zur
       Wahrheit gehört auch...“ der prätentiöse Begriff „ehrlicherweise“
       etabliert. „Der Grund war ehrlicherweise vor allem meine Gesundheit“,
       sagte, nur mal zum Beispiel, die [2][Grünen]-Politikerin [3][Ricarda Lang]
       zur Erklärung einer körperlichen Veränderung, die sie vornahm.
       „Ehrlicherweise war es zuletzt oft anstrengend, von München aus der
       [4][Ampelregierung] zuzusehen“, schrieb eine andere Grünen-Politikerin zu
       Ampel-Zeiten. So geht das die ganze Zeit. Die Frage ist: Was soll in
       solchen Sätzen das „ehrlicherweise“ bringen?
       
       Ehrlicherweise ist in der Theorie eine besondere Betonung von
       Aufrichtigkeit, im Sinne von: Du rechnest da nicht damit, aber ich sage
       jetzt mal was überraschend Ehrliches, weil ich die Courage dazu habe.
       
       ## Überall wird gelogen
       
       Aber gerade als Journalist ist man damit vertraut: Wenn ein Politiker sagt,
       man solle bitte mal sein Aufnahmegerät ausschalten, weil er jetzt im Off
       und nur unter uns mal unverblümten Klartext spreche, dann kommt in der
       Regel so richtig was zum Gähnen. Und so ist es auch mit dem Adverb
       „ehrlicherweise“. Es ist zu einer Floskel der Qualität von „sozusagen“
       verkommen oder „äh äh äh“.
       
       Nun wird selbstverständlich in allen Bereichen gelogen, dass sich die
       Balken biegen.
       
       Und es sind auch Floskeln Teil des Sprechens und können eine positive
       Funktion haben, egal, wie aufrichtig sie gemeint sind („Schön, dass Du da
       bist“ – „Mein Beileid“ – „Großartiger Text von Dir“).
       
       ## Nur halb ehrlich
       
       Aber wenn Ehrlichkeit offensiv zu einer Floskel gemacht wird, und das
       speziell im politischen Betrieb, dann verstärkt das Vorbehalte, die ohnehin
       schon da sind. Wer extra betont, dass er „ehrlicherweise“ jetzt die
       Wahrheit sagt, der präsentiert sich nicht als aufrichtiger Charakter,
       sondern impliziert, dass er oder sie ansonsten eben nicht „ganz ehrlich“
       ist, sondern nur halb ehrlich oder gar nicht ehrlich.
       
       To wrap it up: Wenn „ehrlicherweise“ verwendet wird, ohne dass die
       jeweilige Behauptung in Frage oder im Widerspruch zu anderen Aussagen steht
       („Ich hab immer gesagt, meine Politik ist super, aber ehrlicherweise ist
       sie scheiße“), dann steht sie genau damit in Frage. Das gehört
       „ehrlicherweise auch zur Wahrheit“ ([5][Annalena Baerbock]).
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres
       Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“
       – [6][erhältlich im taz Shop].
       
       14 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /taz-FUTURZWEI/das-magazin-fuer-zukunft-und-politik/!v=8ce19a8c-38e5-4a30-920c-8176f4c036c0/
 (DIR) [2] /Buendnis-90/Die-Gruenen/!t5015715
 (DIR) [3] /Ricarda-Lang/!t5829973
 (DIR) [4] /Ampel-Koalition/!t5455621
 (DIR) [5] /Annalena-Baerbock/!t5469290
 (DIR) [6] https://shop.taz.de/product_info.php?products_id=245693
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA