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       Spaziergang an einem See. Er ist gesäumt von abgemähtem Schilf –
       Mönchstonsur eines Wasserloches, das ein Toteisbrocken vor Jahrmillionen
       hinterlassen hat. Dazwischen hohe, starke Binsen, halb versunkene
       Baumstämme, auf denen Moos und Zwergbirken stehen. Alles mit
       Schneehäubchen. Aus grausilbrigem Wasser aufragende Äste: bizarre Geweihe.
       Darauf Enten. Und Parzellen mit Holzstegen, hochbeinig im gefrorenen
       Niedrigpegel.
       
       Doch die Türen dieser Paradiese sind verriegelt, zu, eingefasst mit
       Halbsonnen aus wehrhaftem Stahl. An einer Holzlatte oder einem grün
       gestrichenen Querholm das ewig gleiche Metallschild, das mitteilt:
       „Privat“. Schade. Frei zugängliche Badestellen sind Fehlanzeige. Sämtliche
       Seezugänge, ja den See selbst, scheint ein Mensch namens „Privat“ zu
       besitzen. Hebels „Kannitverstan“ lässt grüßen.
       
       Wem gehört, im eigentlichen Sinne, dieses urzeitliche Kleinod? Wem?,
       sinniere ich. Meine Betrachtungen stoppen jäh, denn vor mir tritt ein
       älteres Paar aus einem Törchen auf den Weg, eingehüllt in dicke Bademäntel.
       Die Frau schlüpft mit dem linken Fuß gerade noch einmal fester in ihre
       Badelatsche. Ich grüße trotz oder gerade wegen meines Missmuts, sie grüßen
       zurück. Ob sie das „Ehepaar Privat“ seien, frag ich nicht, aber, ob sie
       schon immer eisbaden? Sie bejahen. Herrlich, sagt der Mann, atmet dabei
       genüsslich aus. Wo es denn einen freien Zugang gebe, für den Sommer, für
       mich, zum Beispiel? Sie zeigen vage in die Ferne. Ich hake nach, und,
       flutsch, sind wir im Gespräch. Nett. Say hello to strangers!
       
       Er fröstele allmählich, meint der Mann jetzt. Aber wenn Sie wollen …, sagt
       er betont langsam, um den Blick seiner Frau als stumme Bestätigung zu
       gewinnen. Doch diese nickt gleich mir zu: …baden Sie gerne hier! Dann
       verrät sie mir die Nummer des Zahlenschlosses. Seit vierzig Jahren
       dieselbe, fügt er noch an. Könnt’ ein Anfang sein. Felix Primus
       
       14 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Primus
       
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