# taz.de -- Fanproteste in Frankreich: Straßburg geht über den Kanal
       
       > Liam Rosenior wechselt als Trainer von Racing Straßburg zum FC Chelsea.
       > Beide Klubs gehören dem gleichen Besitzer. Fans fürchten den Ausverkauf.
       
 (IMG) Bild: Gut gelaunter Weggeher: Liam Rosenior, nachdem er seinen Wechsel von Strasbourg nach Chelsea verkündet hat
       
       Am vergangenen Sonntag stand für die Straßburger Ultras eine der weitesten
       Auswärtsfahrten des Jahres auf der Agenda. Es ging an die Côte d’Azur, um
       das 1:1 in Nizza vom Gästeblock aus zu verfolgen.
       
       Zu diesem Zeitpunkt ahnten allerdings selbst sie noch nicht, was zwei Tage
       später offiziell verkündet werden würde: Der Erfolgstrainer der Elsässer,
       Liam Rosenior, verabschiedete sich am Dienstagmorgen von den Straßburger
       Journalisten. Und flog nach London, wo er künftig den [1][FC Chelse]a als
       Nachfolger von Enzo Maresca coachen wird.
       
       Ausgerechnet Chelsea! „Es gibt Klubs, denen du einfach nicht absagen
       kannst“, sagte [2][der 41-Jährige], „Ich hoffe, die Straßburg-Fans können
       das verstehen und stolz darauf sein.“
       
       Zumindest für die Ultras gilt das ganz sicher nicht. Im Gegenteil: Die
       meisten Fanclubs und die „Ultra Boys 90“ sehen sich nun in ihrer Kritik
       bestätigt. Sie wehren sich seit über zwei Jahren gegen das Geschäftsmodell
       des „Multi-Club-Ownership“ (frz: „multipropriété“). Es erlaubt
       internationalen Konsortien, mehrere Klubs zu besitzen, um mit ihnen Geld zu
       verdienen.
       
       ## Wenn Chelsea mit dem Finger schnippt
       
       „Seit zweieinhalb Jahren haben wir – zusammen mit anderen – versucht, vor
       dieser Entwicklung zu warnen“, schreibt die Fanvereinigung „Fédération des
       Supporters du Racing Club de Strasbourg“. Im Juni 2023 erwarb die Firma
       BlueCo für angeblich 75 Millionen Euro Racing. BlueCo gehört der
       amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft [3][Clearlake] – und
       Chelsea-Boss Todd Boehly.
       
       14 Spieler sind seit 2023 hin- und hergewechselt, im kommenden Sommer wird
       Kapitän Emanuel Emegha nach London ziehen. Und wenn Chelsea mit dem Finger
       schnippt, scheint es, haben die Elsässer keinerlei Handhabe, auf einen
       bestehenden Vertrag zu pochen.
       
       Doch bisher war das der Mehrheit der Fans nicht annährend so wichtig wie
       den organisierten Supportern. Schließlich legitimierte der sportliche
       Erfolg die neuen Machtverhältnisse: Kein Ligue-1-Klub hat im Sommer so viel
       Geld investiert wie die Elsässer, die 100 Millionen Euro springen ließen
       und in der Europa League spielen.
       
       Und das mit einer blutjungen, spielstarken Mannschaft, die auf einem viel
       höheren Niveau Fußball spielt als noch vor drei, vier Jahren. Zuletzt
       wurden die Proteste der Ultras von weiten Teilen der anderen Zuschauer gar
       mit Pfiffen bedacht. „Es wäre interessant zu sehen, wie die Leute
       reagieren, wenn wir gegen den Abstieg spielen würden“, sagt ein
       UB90-Sprecher nicht ohne Verbitterung. „Aber wir sind Siebter. Da heiligt
       der Zweck offenbar die Mittel.“
       
       Ob das die Mehrheit der Racing-Fans immer noch so sieht, wird man beim
       nächsten Heimspiel sehen, das am 18. Januar gegen den Erzrivalen Metz
       stattfindet. Spätestens dann dürfte sich zeigen, wie der Weggang des
       Trainers aufgefasst wird. Als Beweis, dass die organisierten Fans recht
       haben, wenn sie wie die Fédération von einem „weiteren demütigenden Schritt
       in der Unterwerfung von Racing“ sprechen. Oder es wird als branchenübliche
       Angelegenheit abgehakt, weil ein Champions-League-Klub eben doch
       renommierter (und finanzkräftiger) ist als Racing. Genau so hat jedenfalls
       Rosenior argumentiert: „Ich habe mein ganzes Leben dafür gearbeitet, einen
       Weltklasse-Klub zu coachen.“
       
       Wie es bei Racing weitergeht, ist offen. Präsident Marc Keller soll bis
       zuletzt versucht haben, Roseniors Weggang zu verhindern. Mit dem zuletzt
       vereinslosen Gary O’Neil präsentierte er zumindest schnell einen
       Nachfolger.
       
       Die „Fédération“ sieht sich allerdings in ihrer Sichtweise bestätigt, dass
       Keller seit der von ihm selbst geförderten Machtübernahme von BlueCo nur
       noch ein Strohmann ist – und fordert seinen Rücktritt. „Jede weitere
       Verrenkung von Marc Keller, jede weitere Minute an der Spitze des Klubs ist
       eine Beleidigung der großartigen Arbeit, die vor 2023 geleistet wurde.“
       
       8 Jan 2026
       
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