# taz.de -- Hoch hinaus zwischen Mosaiken und Weihwasserbecken
       
       > Einst fanden hier Gottesdienste statt. Heute versuchen sich
       > Anfänger:innen und Profis an bis zu 13 Meter hohen Wänden und stellen
       > sich beim Klettern ihren Ängsten
       
 (IMG) Bild: Die Kletterkirche in Mönchengladbach ist die einzige ihrer Art in Deutschland
       
       Der Anfang war mühsam, im Nachhinein komisch. „Im Radio hatte ich gehört,
       dass St. Peter endgültig aufgegeben wird“, sagt Simone Laube,
       leidenschaftliche Kletterin aus Mönchengladbach. Diese Kirche, dachte die
       heute 53-Jährige, könnte man doch zum Kletterparadies umbauen. „Aber, wie
       kommt man an eine Kirche?“
       
       Anrufe bei der Stadt, beim Bistum, der Kirchengemeinde. „Auf meinen Wunsch:
       Ich will die Kirche kaufen oder mieten, kam immer zuerst: Totenstille …“ Ja
       wie, was, klettern? Der Pfarrer habe gefragt, „ob wir Nachfahren von Luis
       Trenker“ – bekannt für seine Bergsteigerfilme – seien. Erst der
       Kirchenvorstand gab zurück: „Charmante Idee.“
       
       Die Umsetzungspläne begannen Ende der Nullerjahre, auch sie gestalteten
       sich schwieriger als gedacht. „Für Banken war das völlig neu, für Stadt,
       Denkmalschutzbehörde und Architekten auch. Und das Bistum wollte uns erst
       nicht aus seinem teuren Versicherungspool lassen.“ Doch Simone Laube blieb
       beharrlich, sie eröffnete 2010 „die einzige katholische Kletterkirche der
       Welt“, wie sie sagt. Laube ist Pächterin des Kirchengebäudes. „Ich habe
       einen Traum verwirklicht.“
       
       Jetzt am frühen Nachmittag ist es ziemlich leer. Die 12-jährige Juliana ist
       gerade da, Anfängerin. Die Chefin selbst sichert am Seil und redet ihr gut
       zu. „Vertrau mir, es kann nichts passieren …“ Juliana kommt dem Himmel fast
       drei Meter näher. „Du wirst immer besser“, hört sie wenig später und
       erwidert schüchtern „gut“, noch staunend über ihre Fortschritte in der
       Senkrechten.
       
       Vormittags kommen oftmals Schulklassen, nachmittags viele Schüler:innen
       einzeln, auch Kinder ab 5 Jahren zum Schnupperkletterkurs. Abends ist es
       voll, sagt Laube, da kommen die Fortgeschrittenen und Könner:innen, am
       Wochenende oft im Familienverbund. Es warten 42 Seile, gut 200 Routen,
       unzählige bunte Tritte und Griffe; auf 1.300 Quadratmetern, bis 13 Meter
       Höhe, mit Überhang unter der Decke. All das hatte 2013 auch der damals 9
       Jahre alte Leander Carmanns hier über sich. Heute ist Carmanns 21 und
       Vizeweltmeister im Speedklettern. Dieses Jahr ist Olympia. „Und der Leander
       holt Gold“, ist sich Laube sicher.
       
       Die kirchliche Anmutung ist im umgebauten Gebäude stellenweise geblieben:
       die großen runden Seitenfenster mit den bunten Mosaiken, die
       Weihwasserbecken im Eingangsbereich, eine kleine Glocke, ein paar alte
       dunkle Betbänke zwischen den drei Kletterwänden zum Zugucken. Die Bar
       (Kaffee, Kuchen, Kreide, Leihgurte und Leihschuhe) ist aus dem Holz des
       ehemaligen Kircheninterieurs gezimmert. Im Seitengang findet sich ein
       Anfängerparcours, schräg hinter der Kirche eine Anlage zum
       Outdoor-Bouldern, beide mit dicken Matten.
       
       Die Griffe aus Epoxidharz gehen bei der Nutzung mit der Zeit kaputt, sie
       wären dann eigentlich als Sondermüll zu entsorgen. Aber verschlissene Teile
       wegzuwerfen findet Laube nicht nachhaltig, „also upcycle ich sie selbst“.
       
       Neben diesem Öko-Nebenjob ist die gelernte Zahntechnikerin auch zur
       Pädagogin geworden. „Man kann jungen Menschen hier Werte vermitteln, man
       lernt Kontrolle abzugeben, Verantwortung zu übernehmen, immer Respekt zu
       haben vor den anderen und den Gefahren. Vertrauen lernen, sich auf andere
       verlassen.“ Und, was sie immer wieder beobachtet: Kinder und Jugendliche
       reden in der Kletterhalle über ihre Ängste. „Wo gibt’s das sonst! Klettern
       ist eine pädagogische Schatzkiste.“
       
       Bernd Müllender
       
       10 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Müllender
       
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