# taz.de -- szene: Du warst nackt, ich war nackt
       
       VonDaniel Klaus 
       
       Hallo“, sagt jemand hinter mir und tippt auf meine Schulter. Ich drehe mich
       um und blicke in das Gesicht einer fremden Frau. Sie trägt eine rote
       Wollmütze, unter der ein blonder Pagenschnitt herauslugt. Sie hat
       Lachfältchen um die Augen. Sie sieht nett aus.
       
       „Ich habe einen Moment gebraucht, um dich zuzuordnen“, sagt sie. „Du bist
       der Autor, richtig?“ „Ja“, sage ich zögerlich. Ich habe sie noch nie
       gesehen. Wer ist das?
       
       Wir stehen auf dem Weihnachtsmarkt der Kulturbrauerei. Neben mir Flora und
       Marie. Johanna ist auf einer Weihnachtsfeier. Alle drei halten wir einen
       dieser rotglänzenden wie mit Nagellack überzogenen Liebesäpfel am Stiel in
       der Hand. In meinen habe ich noch nicht hineingebissen.
       
       „Du warst nackt, und ich war nackt“, sagt die fremde Frau. „Da braucht man
       einen Moment, um die Verbindung herzustellen, wenn man die Person dann das
       erste Mal bekleidet und an einem ganz anderen Ort sieht.“
       
       „Äh“, sage ich. Und in meinem Kopf rattert es. Es ist Dezember. Wann war
       ich denn zuletzt nackt, außer zu Hause unter der Dusche? Es kann sich nur
       um eine Verwechslung handeln. Aber woher weiß sie, dass ich schreibe?
       
       Flora wirft mir einen WTF-Papa-Blick zu. Marie steht der Mund offen. „Wir
       haben über Friedrich Merz und die Theodizeefrage gesprochen. Und du hast
       von deinen Töchtern erzählt.“ Sie nickt den beiden zu.
       
       Flora und Marie starren sie sprachlos an. „Ich war mit eurem Vater letzte
       Woche in der Sauna.“ Oh Gott, ja, natürlich, denke ich. Jetzt erkenne ich
       die Stimme. Und auch ihr Name ist plötzlich da. „Hallo, Karin“, sage ich.
       
       Es ist nämlich so: In der Sauna ziehe ich nicht nur meine Klamotten aus,
       ich setze auch meine Brille ab. Und ohne Brille bin ich praktisch blind.
       
       Flora und Marie sehen peinlich berührt auf ihre rotglänzenden Liebesäpfel,
       aber da müssen sie jetzt durch. Denn spätestens auf dem Heimweg werden sie
       sich über mich lustig machen.Daniel Klaus
       
       2 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Klaus
       
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