# taz.de -- Soziologe über Heimat und Demokratie: Stärken revitalisieren!
> Die liberale Demokratie steckt in einer Legitimationskrise. Ob linker
> Populismus oder eine Stärkung der sogenannten Mitte sinnvolle
> Lösungsstrategien sind, daran zweifelt Aladin El-Mafaalani.
(IMG) Bild: In Zeiten der zunehmend stärker empfundenen Schwächen der Demokratie braucht es unmissverständliche Zeichen
[1][taz FUTURZWEI] | „Beheimatet sein“ könnte man als Gefühl von
Orientierung und Sinn, von Bindung und Zugehörigkeit verstehen. Ein Ort
oder Kontext, an dem es passt. Heimatlos zu sein, wird in der Regel als
Problem wahrgenommen. Zwar wird Heimatlosigkeit manchmal auch als
Triebkraft gesehen, etwa bei Künstlern. Aber auch ein Künstler findet dann
doch seine Heimat in der Kunst, in der Leidenschaft, zum Beispiel in der
leidvollen Suche nach Heimat.
Liberale [2][Demokratien] haben genau hier ihre wahrscheinlich größte
Schwäche: Sie können nicht die sozialen Bindungen und kollektiven
Zugehörigkeiten selbst schaffen, auf die sie angewiesen sind. Man könnte
zugespitzt formulieren: Sie leben von etwas, an dem sie Raubbau betreiben.
Aus ganz unterschiedlichen Stoßrichtungen haben Soziologen dieses Problem
beschrieben. Ralf Dahrendorf hat hierfür den Begriff „Ligaturen“ reserviert
und bereits früh die These vertreten, dass wenn in einer modernen
Gesellschaft alles möglich und damit gleich gültig wird, am Ende nichts
mehr geht, weil alles gleichgültig wird. Aus einer ganz anderen Perspektive
hat dies [3][Pierre Bourdieu] mit dem Begriff „Doxa“ bezeichnet: Er
versteht darunter die Selbstverständlichkeiten, die die soziale Ordnung
stabilisieren – und damit auch die Herrschaftsverhältnisse.
## Verlust des Zusammenhalts
Sobald die Doxa, also das Selbstverständliche, neu ausgehandelt wird,
entstehen Konflikte.
Wenn man diese beiden Perspektiven nimmt, hat man das Spannungsfeld
aufgespannt und erkennt ein Muster: Sinnstiftendes und
Herrschaftsverhältnisse sind derart ineinander verschränkt, dass man mit
jeder emanzipatorischen Errungenschaft, also mit jeder gelungenen
Bekämpfung von Ungerechtigkeit, immer auch Orientierung verliert.
Man stelle sich einen großen schmutzigen Schneeball vor. Viele versuchen
gleichzeitig, den Dreck rauszukratzen und dabei geht immer auch weißer
Schnee verloren; eine ganze Weile geht das gut, aber irgendwann droht das,
was man eigentlich bewahren wollte, instabil zu werden. Der Zusammenhalt
geht verloren.
In der Vergangenheit haben eine gemeinsame ethnische Herkunft, das gleiche
religiöse Bekenntnis und/oder die geteilten nationalen Traditionen soziale
Kohäsion und Orientierung gegeben.
Das waren kulturelle Grundlagen für Heimatgefühle jenseits des Eigenheims
und der Familie. In den fortgeschrittenen liberalen Demokratien stellen
genau diese historisch gewachsenen Grundlagen eher die Triebfeder für
soziale Konflikte dar – und sind die zentralen Themen von
antidemokratischen Strömungen, die, seitdem sie wachsen, auch das
Heimatgefühl der liberalen Demokraten stört.
## Mobilisierungsstrategien statt Lösungsansätze
Ein Zurück in die „gute alte Zeit“, als Ethnie, [4][Religion] und Tradition
noch für Ordnung und Stabilität sorgten, wäre eine Lösung gegen die
liberale Demokratie – es ist die Lösung der Populisten. Ob die liberale
Demokratie durch einen linken [5][Populismus] verteidigt werden sollte, was
die Schlussfolgerung etwa von [6][Chantal Mouffe] ist, oder besser durch
eine Stärkung der politischen Mitte, eine Strategie, die [7][Robert Habeck]
regelrecht verkörpert, scheint mir gar nicht der richtige Streitpunkt zu
sein. Das sind eher Wahlkampf- oder zumindest Mobilisierungsstrategien,
nicht Lösungsansätze für das eigentliche Problem. Es geht um etwas anderes.
Das Gefühl der [8][Entfremdung] – so sollte man den Verlust von
Heimatgefühlen bezeichnen – ist kein neues Phänomen. Es begleitet
gesellschaftlichen Wandel und Fortschritt seit jeher. Damit wird man leben
müssen. Und das wäre auch nicht schlimm, wenn der Alltag einigermaßen
gelingt und der allgemeine Glauben daran vorherrscht, dass Dinge besser
werden können.
## Der Staat in einer Legitimationskrise
Ein [9][Staat], der alles komplizierter macht als nötig und gleichzeitig
sein Kerngeschäft vernachlässigt, verliert Vertrauen. Wenn äußere
Sicherheit, [10][Bildung] und [11][Mobilität] zunehmend weniger
gewährleistet sind und auch wenig darauf hindeutet, dass es morgen besser
aussieht als heute, dann sind Staat (und mit ihm dann immer auch die)
Demokratie zu Recht in einer Legitimationskrise.
Die Ideen der Libertären (Kettensäge – alles auf Neuanfang) und der
Populisten (Vergangenheit als bessere Zukunft) erscheinen dann für viele
Menschen verheißungsvoller als eine zunehmend dysfunktionale Gegenwart, in
der die Zukunftsziele nur noch darin zu bestehen scheinen, so wenig wie
möglich zu verlieren.
Das eigentliche Problem liegt also darin, dass die Schwächen der liberalen
Demokratie immer intensiver erlebt werden und viele Stärken kaum mehr
wahrnehmbar sind. Die eigentliche Strategie müsste sein, die Stärken zu
revitalisieren. Dann lässt es sich mit den Schwächen, die sich
wahrscheinlich nicht auflösen lassen, auch besser leben.
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16 Dec 2025
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## AUTOREN
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