# taz.de -- die ortsbegehung: Am Ende steht da dann eine Bankfiliale
> Der kleine Tod der Subkultur lässt sich an einer Kreuzung im Hamburger
> Stadtteil Ottensen studieren: Niemand meint es böse, es ist einfach kein
> Platz mehr dafür vorhanden
(IMG) Bild: Von Bauarbeiten keine Spur, der Wind pfeift über die Brache mitten in Hamburg
Aus Hamburg-Ottensen Daniel Wiese
An einer viel frequentierten Kreuzung in Ottensen, genau gegenüber der
alten Fabrik, vor der bei Konzerten immer die Menschenschlangen stehen, tut
sich im Stadtbild ein Loch auf. Die ganze Ecke ist weg, abgerissen von
Baggern, die einen riesigen Schuttberg hinterlassen hatten, der längst auch
weg ist, von Lastern abtransportiert.
Übrig geblieben sind nur verstreute Steine, zwischen denen schon wieder die
Pflanzen wachsen. Am Rande der Brache steht noch ein Geisterhaus, durch das
man durchsehen kann, weil drinnen nichts mehr ist. Die Brache ist mit
Metallgittern abgeriegelt, dahinter liegt der Parkplatz eines Supermarkts.
Bevor die Bagger kamen, stand an dieser Ecke ein auffälliges zweistöckiges
Gebäude, das eine Biegung um die Ecke machte. Die Fassade war mit
durchlaufenden Simsen verziert, die kleinen Fenster mit Bögen abgesetzt.
Früher war hier [1][einmal eine Fischräuchereifabrik]. Später wurden
Fischkonserven produziert, in der Nazizeit von russischen
Zwangsarbeiterinnen.
[2][Das langgezogene runde Eckgebäude war übrig geblieben. Im Erdgeschoss
hatten sich Läden breitgemacht:] direkt an der Ecke ein Falaffel-Imbiss, in
dem bedrohlich der Kühlschrank mit den Getränken surrte, die man sich
selbst herausholen konnte. Weiter hinten kam die „Taverna Sotiris“, deren
Wirt zunächst nur nebenbei als Schauspieler arbeitete, bis er irgendwann
ein Schauspieler war, der nebenbei noch eine Taverne betrieb.
Sortiris war legendär. „Wohin gehen wir heute?“ – „Zu Sortiris!“ Nur ob man
da einen Platz bekam, war die Frage, die Taverne war zu ihren besten Zeiten
fast immer voll. Irgendwann übernahm ein Freund des Schauspielers den
Laden, die alten Stammgäste bekamen Kinder und gingen anderswohin. Aber
innen sah es mit den Musikinstrumenten an der Wand noch immer genauso aus.
## Ein Schieben und Quetschen
Ganz hinten in der Reihe, in einem separaten Gebäude vor der Einfahrt zum
Supermarkt, residierte „Mamma Mia“. In das Restaurant passten viel mehr
Menschen rein, als man von außen vermutet hätte. Beim Hereinkommen beschlug
im Winter sofort die Brille, die Luft war stickig, und es ging hoch her.
Ein Schieben und Quetschen, Bedienungen rannten, Kleinkinder quengelten,
Pizzas wurden vermisst: „Verdammt, wo ist meine Calzone!“ Es war das
reinste Chaos.
Hinter dem Eckgebäude, im Innenhof, waren ein paar Tische aufgebaut als
bescheidener Außenbereich für die Gastronomie. Alte Autos standen herum, in
einer Flamencoschule klackerten die Absätze, es gab einen Gitarrenladen und
das alternative Wohnprojekt Villa Dunkelbunt, dessen Wohnzimmer
gleichzeitig eine Bühne war.
Die ganze Ecke war im Grunde ein niedrigschwelliger Bereich, übrig
geblieben aus einer anderen Zeit, während im Stadtteil darum herum die
Mieten, Läden und Restaurants immer teurer wurden. Dass ein Investor das
ganze Gelände kaufte, verwunderte niemand, und als publik wurde, dass der
Abriss geplant war, war es ja schon zu spät.
Offenbar stand das gelbe Eckgebäude nicht unter Denkmalschutz, und so hatte
man sich irgendwann damit abgefunden, dass der schöne runde Eckbau, der der
Straßenkreuzung ihr Gesicht gab, verschwinden würde. Immerhin [3][sollten
neue Wohnungen entstehen, Kultur und Gewerbe zurückkehren dürfen], das war
doch schon was.
Nach und nach zogen die Mieter*innen aus, wo früher Lichter brannten,
wurde es dunkel, die ganze Ecke stand irgendwann leer. Die Fassaden
verwitterten, wurden mit Graffiti übersprüht, und es passierte: nichts.
Es gebe Schwierigkeiten, hieß es, mit den Wohnungen an dieser Stelle werde
es nichts, der benachbarte Supermarkt habe aus Angst vor Beschwerden die
Einwilligung verweigert. Vor knapp zwei Jahren dann die Nachricht, dass die
Sparda-Bank das Grundstück gekauft habe, um dort den „Sparda-Campus“ zu
errichten. Im Gegenzug sollte die alte Filiale der Bank aus den 1970er
Jahren am Bahnhof Altona abgerissen und die Wohnungen dort gebaut werden.
## Maximal mögliche Geschossfläche
Von einer Win-win-Situation sprachen die Grünen und die CDU, die im Bezirk
Altona regieren. In der Presse kursierte ein Foto, [4][das den Hamburger
Chef der Sparda-Bank vor dem alten gelben Eckgebäude zeigt], wie er die
Pläne für den Neubau hochhält, der an dieser Stelle in den Himmel wachsen
soll und darauf ausgelegt ist, die maximal mögliche Geschossfläche
unterzubringen.
Die Pläne sind noch die vom alten Investor, nur dass jetzt an der Ecke
nicht einmal mehr Wohnungen sein werden, sondern ein Geldinstitut. Von der
Rückkehr von Kultur und Gastronomie ist keine Rede mehr. Die Spuren der
ehemaligen Mieter*innen haben sich verwischt. Die meisten haben wohl
aufgehört, manche irren noch herum auf der Suche nach günstigen Räumen.
Anfang des Jahres sollten die Bauarbeiten beginnen. Bisher sieht es nicht
danach aus, aber irgendwann wird es schon passieren. Bis dahin pfeift über
die Brache der Wind.
3 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.beirat-fuer-geschichte.de/fileadmin/pdf/band_31/Demokratische_Geschichte_Band_31_Essay_2.pdf
(DIR) [2] /!5531475&SuchRahmen=Print
(DIR) [3] https://annaelbe.net/ort_bilder_barner42.php
(DIR) [4] https://www.sparda-bank-hamburg.de/meine-sparda/sparda-campus-ottensen.html
## AUTOREN
(DIR) Daniel Wiese
## ARTIKEL ZUM THEMA