# taz.de -- szene: Die vier Dinosaurier vom Alex
Am Alexanderplatz in Berlin stehen seit einer fernen, fast vergessenen Zeit
vier Dinosaurier auf roten Beinen. Sie bewegen sich nicht vom Fleck. Sie
drehen sich, fixiert am Ort. Stark und machtvoll stehen sie da. Wenn ich
mit der Straßenbahn vorbeikomme, sehe ich ihnen zu und denke an meine Oma.
Der Anblick der vier Dinosaurier aus Stahl hat etwas Melancholisches. Ihre
Köpfe sind Kabinen, kleine, kalte, schaukelnde Konservendosen, die auf
einen Platz blicken, den es so nicht mehr geben wird, wenn sie einmal
verschwunden sind. Drinnen sitzen Männer in Warnwesten. Stoisch bringen sie
die Macht der Maschinen in Bewegung. Sie formen, schleppen, wuchten und
verändern das Gesicht des Herzens der Stadt. Bauphase für Bauphase. Der
Platz, der nie richtig wusste, was er sein wollte, kriegt ein paar hohe
Häuser mehr, ein Stück Himmel weniger. Unermüdlich arbeiten die vier
dressierten Dinosaurier. Sie wenden ihre Hälse nach dieser fernen, fast
vergessenen Zeit, in der kurz hinter dem Alexanderplatz, die Schönhauser
hoch, noch Wälder standen. Oder als der Fernsehturm als Wegmarke noch frei
nach oben ragte, wie ein Versprechen von Zuhause.
Manchmal steige ich aus und gehe eine Runde um den Brunnen der
Völkerfreundschaft herum, im Slalom um die Menschen. Ich schaue nach oben
und denke: Die vier Dinosaurier können ja nichts dafür, dass sie hier leere
Klötze hochziehen müssen. Sie tun, was ihnen ein Mensch befiehlt, der, im
Zweifel schlecht bezahlt, die Hebel schiebt. Vielleicht hört er dabei im
Radio, wie sich die Stadt verschönern wird. Und genau weiß, wie wenig davon
stimmt. Und wenn, in einer fernen, bald auch schon vergessenen Zeit, alles
fertig ist, werde ich mit der Straßenbahn auf den Platz zufahren und den
Fernsehturm nicht mehr sehen können. Wie soll ich das dann meiner Oma
erklären? Klaus Esterluss
20 Nov 2025
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
## ARTIKEL ZUM THEMA