# taz.de -- szene: Eine Karte zum Sachenfinden
       
       Als Marie vier und Flora sechs war, fing es an. „Es gibt so viele Sachen zu
       finden, man muss nur nach ihnen schauen“, sagte Flora und zitierte damit
       sinngemäß Pippi Langstrumpf. Also schauten wir. Und fanden. Regenwürmer,
       Marienkäfer, Knallerbsen. Eine tote Haselmaus am Kreuzpfuhl, die wir unter
       einer Trauerweide beerdigten. Wir fanden auch Haargummis, Kassenbons, die
       Lebensgeschichten erzählten, und Pfandflaschen, die Flora und Marie beim
       Späti gegen Lakritzschnecken eintauschten.
       
       Die beiden wurden älter und das Sachenfinden geriet in Vergessenheit. Dann
       kamen Pandemie und Lockdown. Die Geschäfte schlossen und in Hauseingängen
       und auf Fensterbrettern erschienen Kisten mit tollen Sachen darin, auf
       denen „Zum Mitnehmen“ oder „Zu Verschenken“ stand. Wir schauten. Und
       fanden.
       
       Irgendwann war die Pandemie vorüber, doch die Kisten blieben. Und uns ein
       sonntägliches Familienritual. Eine Mischung aus Spaziergang, Schnitzeljagd,
       Containern und bargeldlosem Shopping.
       
       „Schaut mal, ich habe eine Karte gezeichnet“, sagt Marie. Johanna, Flora
       und ich schauen auf das Blatt, das sie auf den Küchentisch gelegt hat. Ein
       mit Liebe gestalteter Plan von Weißensee. Mit bunten Sternen hat Marie
       darauf Stellen markiert. „The next step towards professionalisation“, sagt
       Johanna und grinst. „Hast du auch noch Sterne für uns?“, fragt Flora. „Na
       klar.“ Marie zaubert eine Handvoll aus der Tasche. Flora klebt einen auf
       die Woelckpromenade. „Da gibt es gute Bücher. Letztes Jahr haben wir dort
       die komplette Trilogie der ‚Tribute von Panem‘ gefunden.“ Einen zweiten
       klebt sie neben den Spielplatz an der Gounodstraße. „Dort steht oft schönes
       Geschirr.“
       
       Johanna und ich finden auch Lieblingsecken. Wir stickern Weißensee bunt.
       Dann gehen wir gemeinsam raus auf Schatzsuche. Daniel Klaus
       
       5 Nov 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Klaus
       
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