# taz.de -- Wenn Phyllis ihre Peitsche schwingt
> Misogyne Bilder in der Ausstellung „Weibermacht“ im Herzog Anton
> Ulrich-Museum Braunschweig
(IMG) Bild: Lucas Cranach d. Ä., Herkules bei Omphale, 1537
Von Bettina Maria Brosowsky
Mit ihr fing alles an: Eva war es, die trotz Verbot eine Frucht vom Baum
der Erkenntnis aß. Sie animierte auch Adam zu dieser Tat – und beide wurden
bekanntermaßen danach aus dem Paradies vertrieben. Eva gilt seitdem als
Urmutter der Sünde, als eine Verführerin und eine Frau, die sich über alle
Macht stellte, vor allem aber über die des ihr angetrauten Mannes.
Dieser männliche Blick und auch die männliche Urangst, einer Frau zu
unterliegen, hat jahrhundertelang die europäisch westliche Kunstproduktion
geprägt. Mit dem Begriff der „Weibermacht“ kam im Mittelalter ein
geringschätzend gemeinter kunst- und kulturhistorischer Topos auf, der bis
heute seinen Niederschlag findet in Karikaturen und misogyner
Bildproduktion.
Mit solcher Weibermacht und dem Mythos der „schönen Bösen“ beschäftigt sich
eine Ausstellung im Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museum. Dafür durfte
die wissenschaftliche Volontärin Anna Eunike Kobsdaj, Kuratorin der
Ausstellung, den druckgrafischen Bestand des Hauses sichten, der mit etwa
130.000 Blatt zu den umfangreichsten Europas zählt. Es sind somit vorrangig
über 70 kleinteilige Kupferstiche oder Radierungen, auf die sich
Besucher:innen einlassen müssen. Bildkommentare helfen über
Kenntnisdefizite in Kunstgeschichte und Ikonografie hinweg.
Der Ausstellungsrundgang beginnt aber nun nicht bei Adam und Eva, sie
kommen in einem Rückblick noch zu Ehren, etwa als älteres, abgeklärtes Paar
in einem kleinen Blatt von Rembrandt. Vielmehr sind es mächtige und
selbstbewusste Frauen der Weltgeschichte, die den Bilddiskurs eröffnen:
Christina von Schweden, die ihre Regentschaft aufgab, um sich in Rom der
Kunst und Kultur zu widmen.
Oder Maria Theresia, die das Habsburger-Reich reformierte. Die machtvollste
unter ihnen aber war die englische Königin Elisabeth I., sie legte etwa
durch eine erste Kolonie in Amerika den Grundstein für das britische
Weltreich. Als „Virgin Queen“ stilisierte sie sich zudem als über alle
irdischen wie fleischlichen Gelüste erhaben – eine Tugend, die zwiespältige
männliche Reaktionen geradezu provoziert.
Denn die subversive Kraft der Enthaltsamkeit, dargestellt durch die
Allegorie der Castitas oder die symbolische Lilie, ist ein Affront und
unterläuft erotisch dominierte Erwartungen an die Frau. Denn galten (und
gelten, bis heute, in konservativen Milieus) nicht körperliche
Attraktivität und Verführungskraft als wesentliche weibliche
Qualifikationen? So begründete sich die Faszination selbst für blutrünstige
Frauengestalten in der Malereigeschichte – vorausgesetzt, diese vollführen
ihre Aufgabe in vollem Einsatz ihrer femininen Reize.
Wie die schöne Witwe Judith: Sie rettet ihr Volk, indem sie den
gegnerischen Feldherren Holofernes verführt und währenddessen enthauptet.
Peter Paul Rubens malte sie um 1614 in körperlicher Wallung und mit
entblößten Brüsten. Das Meisterwerk verbleibt allerdings aus
konservatorischen Gründen in der Gemäldegalerie des Herzog Anton
Ulrich-Museums.
Aber mit „Herkules bei Omphale“ von Lucas Cranach d. Ä. ist eines der
beliebtesten Bilder des Hauses in der Ausstellung dabei. Herkules, der
Weltenträger und männliche Held schlechthin, ließ sich von Königin Omphale
betören, gab die Insignien seiner Macht, die Keule und das Löwenfell, ab
und nahm Frauenkleider, Spindel und Faden an – zum Gespött der Hofdamen und
zur Freude des gegenwärtigen Publikums. Es war also oft die Waffe der
erotischen List und Demütigung, mit der Frauen über Männer triumphierten.
Am prominentesten gelang es wohl Phyllis, die sich an Aristoteles rächt, da
er ihre Liebe zu seinem Eleven Alexander missbilligt. In der Mär macht sie
ihn selbst liebestrunken und peitscht ihn, stolz auf dessen Rücken reitend,
durch seinen Garten.
Und heute? Mit dem Motiv der gefährlichen Schönen operiert auch die Kölner
Fotografin Ute Behrend, reduziert ihre Protagonistin auf den Revolver im
Dekolleté. Aber immer in Bildpaaren denkend, gesellt Behrend zwei sich
küssende Menschen daneben. Die Szene lässt in der Körperhaltung jedoch an
den Kuss denken, den Luis Rubiales der Fußballweltmeisterin Jennifer
Hermoso bei der Siegerehrung in Sydney aufdrückte.
Auch weitere Leihgaben aus dem Kunstmuseum Wolfsburg, die den Bogen zu
Frauenbildern in der Gegenwartskunst schlagen sollen, bleiben ambivalent in
ihrer Interpretation, etwa [1][die japanischen Bondage-Praktiken,
inszeniert von Nobuyoshi Araki], oder die Porträts androgyn queerer
Menschen der indischen Multimediakünstlerin Tejal Shah. Letztere bilden den
Ausklang der Ausstellung.
Das ehrwürdige Herzog Anton Ulrich-Museum gesellt sich mit dieser Schau zu
den Museen und Ausstellungshäusern, die aktuell nach kunsthistorisch
tradierten Geschlechterstereotypen oder marginalisierten Positionen fragen
und ihre Sammlungsbestände gegen den Strich lesen. „Das ist der Auftrag an
die Museen“, sagt Direktor Thomas Richter, „und in unserem ganz eigenen
Interesse.“
„Weibermacht. Die schöne Böse“. Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig,
bis 22. 2. 2026
17 Nov 2025
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## AUTOREN
(DIR) Bettina Maria Brosowsky
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