# taz.de -- szene: Die Archäologie der Münzen
       
       Sehr oft laufe ich mit gesenktem Blick durch die Stadt. Gerade erst die
       Pistoriusstraße in Berlin-Weißensee entlang. Vielleicht, denke ich dann,
       hat der Boden etwas zu bieten für mich, über das ich nachdenken kann.
       Manche, höre ich, spüren kleine Herzchen auf, die sonst niemand findet.
       Andere entdecken schönste Scherben. Instagram ist voll davon. Und ich suche
       auch. Und finde heute mal wieder ein Geldstück. Kein großes, fünf Cent sind
       es, die dort in einer Lücke im Herbstlaub liegen.
       
       Meine Straßensuchen sind ziemlich oft erfolgreich. Als ich fünf Jahre alt
       war, habe ich im Tierpark Friedrichsfelde zum Beispiel mal einen
       Fünfmarkschein gefunden. Daran muss ich jetzt denken. Ich war ganz
       aufgeregt und wollte wissen, wer den Schein wohl verloren hat und ob er nun
       fehlt, vielleicht, um Brot zu kaufen. Fünf Mark waren damals fünf Brote und
       es blieb noch was übrig.
       
       Die fünf Cent heute reichen sicher nicht für Brot. Ich hoffe trotzdem, dass
       niemand die blanke Münze vermisst. Und was, grüble ich weiter, ist mit dem
       ganzen Schotter, den ich nicht finde, wenn er aus den Taschen kullert? Da
       liegen sicher einige Schätze in den Ritzen und in der Erde verborgen.
       
       Vielleicht, stelle ich mir vor, gibt es unter Berlin inzwischen eine
       zentimeterdicke Ebene nur aus Geldstücken? Eine menschengemachte
       Metallader, eine Schicht der kleinen Verluste.
       
       Nach der könnte man doch schürfen, um beispielsweise die Fahrradwege zu
       finanzieren, die Berlin nicht finanziert, weil eine Autobahn viel wichtiger
       ist?
       
       Ich sollte im Radio anrufen und einen Aufruf starten. Berliner*innen,
       buddelt! Hebt die Schätze eurer klammen Stadt!
       
       Als ich kurz darauf zum Edeka abbiege, stolpere ich. Ich wedele mich mit
       den Händen in Balance. Dabei verliere ich mein Fünf-Cent-Stück. Es ärgert
       mich nicht. Denn ich weiß ja, wo es landen wird. Klaus Esterluss
       
       11 Nov 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Esterluss
       
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