# taz.de -- Die Wahrheit: Ich Opfer-Opi
       
       > Großvater werden, ohne Vater zu sein? Nichts leichter als das! Über einen
       > ebenso geheimnisvollen wie gefühlvollen Enkeltrick, der ganz besonderen
       > Art.
       
       Bis vor Kurzem hatte ich auf Kleinkinder einen unverfälschten Blick. Sie
       sind anstrengend, laut und können – besonders am Anfang – überhaupt nicht
       richtig reden. Und sie sind von Natur aus extrem manipulativ. Sobald meine
       Freundin eines sieht, fängt sie an zu lächeln und ist wie bezaubert. Wenn
       sie mich sieht, passiert das eher selten, auch wenn ich versuche, niedlich
       zu gucken. Gegen Kleinkinder habe ich keine Chance.
       
       Richtig enttäuschend, als meine Mutter anfing, sich Enkelkinder zu
       wünschen. Bin ich ihr als Kind nicht mehr gut genug? Liegt es an meinem
       Bart? Den könnte ich abrasieren. An meiner tiefen Stimme? So tief ist sie
       gar nicht. Die letzten 30 Jahre habe ich mich ernsthaft darum bemüht, nicht
       erwachsen zu werden, und wie wird es mir gedankt? Ich soll Enkelkinder
       produzieren. Zum Glück muss ich das jetzt nicht mehr, weil ich selber ein
       Enkelkind habe.
       
       Nanu, werden sich einige denken, müsste man dafür nicht vorher so etwas wie
       Vater gewesen sein? Was klingt wie das Wunder der Jungfrauengeburt, ist mit
       unserer Patchworkfamilie schnell erklärt. Die Tochter meiner Freundin ist
       Mutter geworden, und ich rutsche in die Rolle. Statt Vater einfach schon
       Großvater, oder wie es Walter Ulbricht ausdrückte: überholen ohne
       einzuholen.
       
       Fortpflanzung war eh nie so mein Ding. Wie eitel muss man sein, zu glauben,
       die eigenen Gene wären es wert. Schauen die Leute nicht in den Spiegel?
       Unter Männern gibt es Fortpflanzungsfanatiker, die sogar jene Frau
       verlassen, mit der sie schon Kinder haben, um dann mit einer jüngeren noch
       mal welche zu zeugen. Da werde ich lieber direkt Großvater.
       
       Wenn wir unser Enkelkind besuchen, bringt mir mein Schwiegersohn erst
       einmal ein Bier. Zwar bin ich nicht viel älter als er, das heißt aber noch
       lange nicht, dass ich ihm keine guten Ratschläge fürs Leben erteilen kann.
       Schließlich habe ich zu vielem eine sehr überholte Meinung und vertrete sie
       notorisch auch gegen vernünftige Argumente. Alles von der Großvaterrolle
       gedeckt! Bald kann ich auch Sachen machen, die ohne Enkelkind eher seltsam
       wirken, zum Beispiel Kindereisenbahnfahren. Steigt man dort alleine ein,
       wird einem das ja „ruck-zug“ falsch ausgelegt.
       
       Jeden Tag bekommen wir ein Foto zugeschickt, das den aktuellen
       Entwicklungsstand dieses Kleinsäugers äußerst putzig darstellt. Und ich
       tappe voll in die recht plump aufgestellte Oxytocin-Falle. Das
       Bindungshormon Oxytocin entpuppt sich dabei als regelrechtes Oxytoxin, das
       dir die Sinne umnebelt wie ein hochdosiertes Opiat.
       
       Nach dem Babyangucken bin ich so dermaßen Opi, dass ich auf jeden
       Enkeltrick reinfallen würde: „10.000 Euro überweisen! Sofort! Ach, wie
       erwachsen du schon klingst, neulich hast du noch gebrabbelt“, hörte man
       mich senil ins Festnetztelefon sprechen, obwohl wir nicht mal ein
       Festnetztelefon haben. Bist du Opi, bist du Opfer.
       
       24 Oct 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Kreis
       
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