# taz.de -- Zukunft des Journalismus: Verlockendes Effizienzversprechen?
       
       > Künstliche Intelligenz, KI: ein digitales Werkzeug, das auch in
       > Redaktionen öfter denn je zum Einsatz kommt. Und die taz? Ein Lagebericht
       > über die Schlüsselfrage des Journalismus von morgen.
       
 (IMG) Bild: Wie verändert KI den Journalismus? Hier zu sehen: Die taz im Spiegel der, äh, Motorhaube.
       
       [1][Aus der taz] | Als Ende 2022 zum ersten Mal eine Anwendung namens
       Chat-GPT vom Unternehmen OpenAI auf die Weltöffentlichkeit losgelassen
       wurde, war die Aufregung unter Journalist*innen – auch in der taz –
       nicht klein.
       
       Nur wenige Monate hat es gedauert, bis in fast allen Redaktionen über
       Chancen und Gefahren „der KI“ diskutiert wurde, obwohl noch nicht einmal
       jedem klar war, was unter diesem Begriff nun genau zu verstehen ist.
       
       Wenig später stand das Thema auf jeder Konferenz-Agenda der Medienbranche.
       Muss, soll, kann bald niemand mehr händisch Texte kürzen?
       
       Werden Fotoredaktionen bald durch Bildgenerierungssoftware ersetzt?
       
       Wer liest noch 100-seitige Gesetzesentwürfe und dicke Pressemitteilungen,
       wenn ein digitales Werkzeug sie in Sekunden zusammenfassen kann?
       
       ## Zwischen Chance, Unsicherheit und Ernüchterung
       
       Als Mitarbeiter*innen der taz dann im Jahr 2023 erstmals und vor
       Kurzem erneut im Rahmen eines KI-Sommercamps Tools, also digitale
       Werkzeuge, ausprobierten, die unter diesem Stichwort firmierten, stellte
       sich schnell eine Mischung aus Beruhigung und Ernüchterung ein: Große
       Sprachmodelle können zwar beeindruckend gut Text generieren, bleiben aber
       letztlich gigantische Wortvorhersagesysteme. Denn: Sie denken nicht.
       
       Stattdessen schätzen sie, welche Reihenfolge von Wörtern die
       wahrscheinlichste sein könnte. Ganz so, wie es heutzutage auch zahlreiche
       Messenger-Apps fürs Smartphone tun, wenn sie eine Reihe von „nächsten
       Wörtern“ beim Tippen vorschlagen. Grundlage dafür sind unter anderem die
       gigantischen Mengen Text, die im Internet frei verfügbar sind.
       
       Ernsthaft bedrohlich für den Beruf des Journalisten wirkten die damals
       virulenten KI-Anwendungen – etwa das LLM (large language model) Chat-GPT
       und die schon länger verbreitete Übersetzungssoftware DeepL – auf uns also
       nicht.
       
       In der taz-Redaktion und vor allem seitens unserer Leser*innenschaft
       bestand aber verständlicherweise Unwohlsein: Die Systeme konnten nicht nur
       strukturell makellose Texte schreiben, sondern auch fotorealistische Bilder
       zeichnen, und zwar rasend schnell. Wurde so ein Ende für die schreibende
       Zunft am Horizont absehbar?
       
       ## Erste KI-Schritte der taz
       
       Selbstbewusst schrieben wir in [2][unsere KI-Leitlinie]: „Künstliche
       Intelligenz verändert nicht die Grundsätze unserer redaktionellen Arbeit.“
       Wann immer KI in der taz künftig zum Einsatz komme, machen wir das
       kenntlich. Und wir prüfen alles, was uns ein Sprachmodell wie Chat-GPT
       anbietet.
       
       Damit war die taz 2023 ungefähr auf dem gleichen Arbeitsstand wie viele
       andere deutsche Medien. Von den Kolleg*innen – hier kann ich nur aus
       eigener Erfahrung sprechen – nutzte noch niemand Tools wie Chat-GPT in
       einem Umfang, den man hätte „alltäglich“ nennen können.
       
       Zwei Jahre später sieht das anders aus. Heute schildern mir viele, dass sie
       KI-Tools gern und oft nutzen. Nützlich ist Chat-GPT etwa für Recherchen und
       Ideenfindung.
       
       Eine Liste der Verteidigungsausgaben im Bundeshaushalt der vergangenen 30
       Jahre? Eine Reihe südafrikanischer Historiker*innen, die für ein Gespräch
       zum Thema Postkolonialismus geeignet wären? Popsongs, in denen das
       Verhältnis von Mensch und Maschine thematisiert wird?
       
       Was zuvor Stunden und Tage gedauert hätte, spuckt die Maschine in Sekunden
       aus – in der Regel brauchbar. Auch für Übersetzungen, Korrekturen oder die
       Transkription von aufgezeichneten Interviews leistet KI-gestützte
       Spracherkennung Erstaunliches. An einem zünftigen Dialekt kommen aber
       selbst moderne Systeme zuweilen (noch) nicht vorbei: Schween jehabt!
       
       ## Skepsis ob baldiger Lösung im Urheberrecht
       
       Welchen Einfluss große Sprachmodelle auf Branchen wie den Journalismus
       haben, wird unterdessen auf höchsten Ebenen diskutiert. [3][2024 hat die
       Europäische Union den „AI Act“], das weltweit erste KI-Gesetz,
       verabschiedet. Es ist ein Spagat. Einerseits sollen KI-Technologien
       gefördert, andererseits reguliert werden.
       
       Das erscheint notwendig, denn derzeit operieren Tech-Konzerne mit ihren
       KI-Systemen weitgehend autonom, das heißt ohne gesetzliche Einhegungen.
       
       Vor Kurzem klagten zahlreiche US-Schriftsteller*innen gegen die ungefragte
       Verwendung ihrer Werke zu KI-Trainingszwecken seitens des Unternehmens
       Meta. Dieses argumentierte, dass daraus noch kein wirtschaftlicher Schaden
       für die Autor*innen entstünde – und gewann so seine erste KI-Klage.
       
       Als taz, eine der wenigen noch übrigen Zeitungen mit einem Onlineauftritt,
       der gänzlich frei zugänglich ist, können wir kaum verhindern, dass unser
       umfassendes Archiv schon jetzt verwendet wird, um KI-Systeme zu trainieren.
       
       Kolleg*innen von anderen Zeitungen erzählen mir, dass sie sehr skeptisch
       seien, ob es in naher Zukunft einen wirksamen rechtlichen Rahmen für das
       Verhältnis von Urheberrecht und KI geben wird. Eine Handvoll
       deutschsprachige Literaturagent*innen wollte sich im Frühjahr per
       Petition gegen die Verwendung ihrer Werke wehren – es wirkte recht
       hilflos.
       
       ## Werden wir mehr Zeit für Recherchen haben?
       
       Gleichzeitig integrieren auch immer mehr Redaktionssysteme KI-Technologien
       in ihre Software. Rechtschreibkorrektur, automatisiertes Layout,
       intelligenter Bildbeschnitte, automatisches Kürzen, generierte
       Artikelvorspänne – all das ist jetzt schon möglich, wenngleich in der taz,
       auch aufgrund unserer 2023 selbst gesetzten und seitdem aktualisierten
       Leitlinien zum Umgang mit KI, nicht oder nur sporadisch im Einsatz.
       
       Auch nach der Einstellung der [4][werktäglichen Printausgabe am 17.
       Oktober] bleibt das so: Zwar unterstützt uns ein Automat bei der Erstellung
       des E-Papers, an unsere Texte lassen wir aber keine KI.
       
       Nichtsdestotrotz bleibt das Effizienzversprechen verlockend: Weniger Zeit
       mit Fleißarbeiten verbringen, mehr Zeit für Recherche. Gerade Linke sollten
       aber wissen: Wo Arbeit leichter wird, wird sie nicht auch automatisch
       weniger. Stattdessen müssen sie mit der Technik wetteifern.
       
       So war es schon einmal, als das Aufkommen des Internets eine mittelschwere
       Schockwelle durch die Medienbranche jagte und einen Graben aufmachte
       zwischen denen, die online sind, und denen, die es nicht sind.
       
       Einen Menschen zum Interview treffen, ein Hintergrundgespräch führen, Neues
       aufdecken, Altes neu denken – all das kann eine KI nicht. Verändert hat die
       Technologie die Branche trotzdem schon jetzt in einem Ausmaß, das kaum
       auszumessen ist.
       
       Wir halten Sie auf dem Laufenden!
       
       🐾 [5][Konstatin Nowotny], Jahrgang 1990, schreibt seit 2017 für die taz und
       arbeitet dort seit 2022 als Produktentwickler. In seiner Arbeit prüft er
       auch, wie KI das Layouten unterstützen kann.
       
       17 Oct 2025
       
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