# taz.de -- berliner szenen: Als sei alles nur ein Kinderspiel
Der Junge sortiert auf einem Podest große Garnrollen und Bretter
übereinander. Auf dieser wackligen Pyramide jongliert er mit Bällen und
Keulen, bis die Konstruktion kippt und er von hoch oben auf die Bühne
springt. Wir klatschen Beifall und meine Nerven beruhigen sich wieder.
An Berlins Schulen kann man nicht nur was über Akkusativobjekte,
Photosynthese und Gewaltenteilung lernen. An der einzigen Artistenschule
Deutschlands gehören zum Lehrplan auch Fertigkeiten am Drahtseil und
Trapez, beim Hochheben und Werfen von allerlei obskuren Gerätschaften.
Nach dem Schulabschluss gehen die jungen Absolventen auf Tournee und
tanzen, breakdancen, springen, balancieren, was das Zeug hält. Man kann
tatsächlich waagerecht in der Luft an einem Seil „stehen“ und sich mit nur
einem Arm festhalten. Die jungen Menschen auf der Bühne präsentieren irre
Kunststücke und durchtrainierte Körper. Kein Gramm Fett … Langbeinige
Frauen in so’ner Art Glitzerbadeanzug wickeln sich in Tücher und Seile,
verbiegen sich bis zur Schmerzgrenze. Und lächeln, als sei das alles nur
Kinderspiel. Warum haben mich meine Eltern nicht auch dort in Pankow
angemeldet? Stattdessen habe ich Training in Latein und Altgriechisch
absolviert. Kurz vor der Pause wirbeln alle zehn Artisten über die Bühne,
die Mädchen werden von den Jungs durch die Luft geworfen und wieder
aufgefangen, nicht ohne hoch oben ein paar Saltos zu schießen. Ein
blitzschnelles Wechselspiel. Mit den letzten Takten der Musik verschwinden
sie, nur zwei bleiben auf der Bühne zurück. Der Mann dreht in der Luft
noch’ne doppelte Schraube und landet dann ungebremst auf den Schultern
eines Mädchens. Während der Vorhang sich schließt, grinst sie ein wenig
triumphierend die begeisterten Zuschauer an.
Gabriele Frydrych
10 Oct 2025
## AUTOREN
(DIR) Gabriele Frydrych
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