# taz.de -- Die Grande Dame
       
       > Über 50 Jahre lang auf die kunsttheoretischen Diskurse reagiert: Der
       > Wolfsburger Kunstverein würdigt die Malerin und Grafikerin Helga Pape
       
 (IMG) Bild: Der regionale Bezug lässt Raum für Interpretation: Helga Pape, „Ohne Titel (Schloss Wolfsburg)“ von 1967
       
       Von Bettina Maria Brosowsky
       
       Neben Sine Hansen im Kunstverein Braunschweig und Ehrenbürgerin Niki de
       Saint Phalle im Sprengel Museum Hannover ehrt auch der Kunstverein
       Wolfsburg derzeit eine Künstlerin, deren Werk sich in den
       kunsttheoretischen Diskursen ab den 1960er-Jahren verortet: Helga Pape,
       geboren 1939 im niedersächsischen Schöppenstedt. Wie Hansen (1942–2009)
       studierte sie an der damals noch städtischen Werkkunstschule in
       Braunschweig, Pape von 1956 bis 1961, dem Jahr, in dem Hansen ihr Studium
       begann. Pape schloss Kunstpädagogik und Kunstgeschichte an, zwischen 1974
       und 1978, an der nun staatlichen Hochschule für Bildende Künste und der TU
       Braunschweig.
       
       Wie weit sich die zwei persönlich kannten oder schätzten, ist nicht
       bekannt, beider Wege in der Kunst verliefen unterschiedlich. Hansen
       umwehte, wenn auch nicht nachhaltig, ein Hauch Glamour als deutsche
       Vertreterin der Pop-Art. Pape dagegen konzentrierte sich auf die Region,
       sie war die erste Frau (und einige der wenigen Personen überhaupt), die
       Quartier im Schloss Wolfsburg bezog.
       
       Mit dem Grafenschloss hatte die 1938 aus dem Boden gestampfte Stadt in den
       späten 1950ern Großes vor: Aus dem NS-Nachlass zugefallen, sollte es zur
       Kunstkolonie werden: die „Schloss-Straße 8“ ward geboren. Kunstschaffenden
       wurden Atelierräume und Werkstätten angeboten, Existenzmöglichkeiten in
       Schulen oder Erwachsenenbildung, Ankäufe und die Beteiligung an
       öffentlichen Aufträgen versprochen. Auch eine Wohnung im Schloss zählte zum
       Programm.
       
       Helga Pape empfahl sich. Sie hatte 1961, als gerade 22-jährige Absolventin,
       den neu geschaffenen Kunstpreis „Junge Stadt sieht junge Kunst“, Bereich
       Grafik, gewonnen. Und sorgte indirekt für einen Kunstskandal: Arnulf Rainer
       übermalte eine ihrer Arbeiten noch während der Preisträgerausstellung – als
       „Akt der permanenten Verbesserung“. Der Österreicher wurde verhaftet, Papes
       Werk ist in der Sammlung der Städtischen Galerie Wolfsburg aber bis heute
       unter seinem Namen verzeichnet.
       
       1967 folgte eine Einzelausstellung in den heutigen Räumen des Kunstvereins.
       Der existierte seit 1959, aber ohne eigenes Domizil, und übernahm 1968 die
       Ausstellungsflächen. Jetzt ist dort unter dem Titel „Energien. Werke
       1964–2017“ eine Retrospektive einge richtet, mit 26 Arbeiten aus Papes über
       50 Jahre umspannendem Schaffen. Vieles ist als Serie angelegt, „Das geheime
       Leben der Pflanzen“ von 1966 etwa, das bereits in der historischen
       Ausstellung vertreten war. Gleich daneben hängt „Torso“ von 1967, eine
       Zeichnung in Farbstift, die das Cover des damaligen Kataloges bildete.
       
       Klaus Hoffmann (1934–2004), von 1972 bis 1997 Leiter des Kunstvereins –
       nicht verwandt mit dem jetzigen, Justin Hoffmann – subsumierte Helga Papes
       frühe Phase unter „Neue Ornamentik“. In den folgenden Jahren differenzierte
       sich Pape in viele künstlerische Ausdrucksformen, die immer aktuelle
       Kunstströmungen reflektierten. Ihren Techniken Grafik, Zeichnung und
       Malerei blieb sie treu. Justin Hoffmann sieht Helga Pape als
       diskursorientierte Künstlerin, Virtuosin in der Radierung und große
       Malerin, kurzum: die 85-Jährige ist die Grande Dame der regionalen
       Kunstszene.
       
       In den 1970er-Jahren verfolgte Pape die fotorealistische Malerei. Ihr
       „Blauer Apfel“, gut einen Quadratmeter groß, hing einst prominent im Büro
       von VW-Vorstand Carl Hahn. In ähnlichen Formaten gibt es einen rot-grünen
       und einen roten Apfel sowie eine Gruppe grüner Birnen. In den 1970er-Jahren
       schlug sich eine mehrwöchige Reise durch Afghanistan in Zeichnungsserien
       und Malerei nieder, in den 1980er-Jahren vertiefte Pape die farbige
       Radierung. In den 1990ern wurden ihre Arbeiten dann sehr materialhaft: Auf
       grobem Rupfen sorgen Dispersion und Sand für Texturen, die an die
       Flächenarbeiten des Katalanen Antoni Tàpies erinnern. Ganz befreit kommt
       die Serie „Phänomene“ von 2014 daher: Wachs-Crayons und Pastellstifte
       lassen auf Schleifpapier Miniaturen entstehen, die vor Spontaneität und
       Expressivität sprühen.
       
       Zur Persönlichkeit Helga Pape gehört auch ein 2007 gemeinsam mit ihrem Mann
       gestifteter Preis für Kurator:innen im deutschsprachigen Raum. Er
       erinnert an Justus Bier (1899–1990), von 1930 bis 1936 Direktor der Kestner
       Gesellschaft Hannover – und Jude. Nach 1933 hatte der, so lange es ging,
       das Fähnlein der künstlerischen Moderne hochgehalten.
       
       16 Sep 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bettina Maria Brosowsky
       
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