# taz.de -- berliner szenen: Spreading versus Bagging
       
       Mit der S-Bahn fahre ich ins Theater und suche einen Platz. In einer Nische
       sitzt eine einzelne mittelalte Frau. Nichts wie hin. Aber sie hat drei
       Sitze mit Einkaufstüten und einer großen Reisetasche blockiert. Ich geselle
       mich zu der Reisetasche und hänge mit einer Pobacke im Gang. Von Station zu
       Station rutsche ich näher, bis die Frau ihre Tasche missbilligend
       querstellt. Ich bin erfreut: „Sehr aufmerksam!“ Ein vernichtender Blick
       trifft mich. Die Bahn füllt sich. Die Frau denkt nicht daran, ihr Gepäck
       zusammenzuraffen. Und niemand traut sich, sie darum zu bitten.
       
       Im Theater lande ich neben einem stattlichen Mann, seine Beine breit
       ausgefahren, die Arme auf den Lehnen. Ich beginne einen stillen Zweikampf.
       Oberschenkel an Oberschenkel, bis er seinen zurückfährt und mich von der
       Seite verwundert ansieht. Nun die Eroberung der Sitzlehne. Mal sehen, wer
       die innige Berührung am längsten aushält. Jedes Mal, wenn sich einer von
       uns an der Nase kratzt oder nach einem Taschentuch sucht, erobert der
       andere schnell die Lehne zurück. Der Platz rechts neben mir ist noch frei.
       Nein, bitte nicht der Jüngling mit dem Rucksack, dem Fahrradhelm und der
       Plastiktüte! Natürlich landet er neben mir. Verstaut sein Reisegepäck unter
       dem Sitz, die Radklamotten ebenfalls, holt aus der Tüte eine große Flasche
       Wasser. Man dehydriert im Theater so wahnsinnig schnell. „Wollen Sie hier
       übernachten?“, frage ich interessiert. Er grinst. Er will es nicht völlig
       ausschließen. Für die hier beschriebenen Phänomene gibt es übrigens
       Fachbegriffe. Das ungenierte Ausfahren der Extremitäten heißt
       „Manspreading“ und ist in spanischen Bussen offiziell verboten. Das
       Blockieren von Sitzen mit Taschen und Tüten nennt sich „Shebagging“. Beides
       macht den Alltag ein wenig unfreundlicher.
       
       Gabriele Frydrych
       
       25 Sep 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Frydrych
       
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