# taz.de -- berliner szenen: Musische Heilung für alle
Am S-Bahnhof Hermannstraße ist es voll, denn die S-Bahn hat wieder
Verspätung. Die Leute stehen herum und sehen in ihre Handys oder auf die
Anzeige. Eine Frau neben mir telefoniert. Ihre Stimme ist sehr dunkel und
tief, fast ein bisschen heiser, und sie spricht in einer Sprache, die ich
nicht richtig zuordnen kann. Sie hat kurze gleichmäßige Locken und
auberginefarbene Haare, trägt einen Rock und braune Schuhe. In ihrer Hand
hält sie eine Jutetasche, die alt, aber gebügelt aussieht. Ich stelle mir
vor, wie sie zu Hause Jutebeutel bügelt und dabei in den Fernseher sieht
oder aus dem Fenster.
Ihr Blick ist besorgt, während sie redet, den Kopf schüttelt oder etwas
fragt. Dann sieht sie sich kurz verschämt um, seufzt und beginnt plötzlich
leise zu singen. Es ist ein ruhiges Lied mit einem eingängigen Refrain und
einem sich seltsam entwickelnden Sog. Es klingt wunderschön.
Etwas vor mir steht ein kleines Mädchen in einem grellpinken Kleid an der
Hand ihrer großen Schwester, daneben die Mutter. Die beiden Kinder essen
Chips. Die Kleine ist vielleicht drei, und ihre Schwester hält ihr ab und
zu die Tüte hin, bis sie der alten Frau zuhören und die Kleine sich zu
bewegen beginnt. Sie wiegt sich hin und her, lässt die Hand ihrer Schwester
los, bewegt die Arme im Takt und tanzt zu der Stimme der Frau. Die Leute
sehen sie belustigt an, aber sie ist sehr ernsthaft bei der Sache und
tanzt.
Als die alte Frau es bemerkt, nickt sie ihr zu. Als sie aufgehört hat zu
singen und auflegt, sagt sie zu der Kleinen: „Wie schön du tanzt.“ Und zu
ihrer Mutter: „Mein Enkel ist krank. Ich sollte dieses Lied für ihn
singen.“ Die Mutter der beiden Mädchen sagt: „Und für uns alle hier. Danke
schön.“ Als die S-Bahn einfährt, ist sie sehr voll, aber ein paar Leute
lächeln beim Einsteigen immer noch.
Isobel Markus
24 Sep 2025
## AUTOREN
(DIR) Isobel Markus
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