# taz.de -- berliner szenen: Seltsame Grabbeigaben
       
       Während andere zum Ufer des Schlachtensees pilgern, suche ich auf dem
       Waldfriedhof das Grab meiner Eltern. Ich weiß nicht genau, wo es ist, weil
       ich so selten hingehe. Erst am Grab meiner böhmischen Oma und ihres letzten
       Lovers vorbei und dann links abbiegen, wo dieser steinerne Engel mit den
       erhobenen Händen droht. Aber da ist das Grab meiner Eltern nicht mehr. Mein
       Bruder teilt mir am Telefon die genaue Lage mit, ich finde den Gang und die
       Grabnummer trotzdem nicht. Ein Friedhofsgärtner macht sich mit mir auf die
       Suche, er hat auch kein Glück. Irgendjemand hat anscheinend die Nummern
       reformiert. Durch Zufall entdecke ich den Stein mit den Namen meiner
       Eltern. Alles ist mit Immergrün und Efeu zugewachsen, die Büsche ringsum
       aber sind gerodet. Kein Wunder, dass ich es nicht gefunden habe.
       
       Mit etwas schlechtem Gewissen lege ich meiner Mutter einen Apfel aufs Grab
       und meinem Vater spendiere ich zu seinem heutigen Todestag einen
       ordentlichen Schluck Wodka. Die Sonne knallt und ich setze mich einen
       Moment auf eine Bank im Schatten. Da sehe ich an einer anderen verwilderten
       Stätte eine junge Frau, die mit einem Kinderschippchen neben dem Grabstein
       buddelt. Sie hat einen Schuhkarton dabei, nimmt etwas weiß Verpacktes
       daraus und deponiert es in dem Loch, das sie gerade hergestellt hat. Als
       sie Erde darauf schippt, sieht sie meinen interessierten Blick und erklärt
       verlegen: „Ich habe seit meiner Kindheit immer mehrere Wellensittiche. Und
       wenn mal einer stirbt, bringe ich ihn hierher, zu Henriette Schmitz. Das
       Grab ist seit Jahren verlassen, das stört doch niemanden, wenn da auch ein
       paar Vögel liegen.“
       
       Ich stimme ihr zu. Frage mich aber, wie die Archäologen in 200 Jahren diese
       seltsamen Grabbeigaben deuten werden.
       
       Gabriele Frydrych
       
       19 Sep 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Frydrych
       
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