# taz.de -- berliner szenen: Mein Freund, die Krähe
Zurzeit stelle ich mir oft die Frage, wie es wäre, eine Krähe zum Freund zu
haben. Die Frage kommt, weil ich fast täglich sehe, wie sich Horden
grauschwarzer Rabenvögel auf dem Kirchturm am Mirbachplatz versammeln.
Dabei richten sie ein ungeheures Geschrei an. Es sind Nebelkrähen, habe ich
nachgelesen. Laut sind sie, aber weder wüst noch bedrohlich. Sie treffen
sich, wie sich Jugendliche vorm Späti treffen. Und so benehmen sie sich
auch. Laut und lebendig. Bis jede Krähe ihren Platz gefunden hat. Bis die
Begrüßung geschafft ist. Bis alle sitzen und schwatzen. Nebelkrähen sind
gesellig, lerne ich. Und Singvögel.
Meine Frage könnte zu überraschenden Ergebnissen führen. Und eines Tages
erzählt eine Nebelkrähe mir ihren Tag, wer weiß?
Wenn ich eine Krähe zum Freund hätte, hätte ich hilfreiches Insiderwissen.
Ich wüsste, was eine Krähe der anderen erzählte. Ich würde fragen, was sie
von uns dächten. Wovor sie sich fürchteten, ja, was sie wohl bräuchten für
ein glückliches Krähenleben. Und ich würde auch fragen, wie sie es mit
ihren Kollegen hielten, den Rabenkrähen. Die sind schließlich nicht am
Mirbachplatz zu Hause. Die halten sich im Westen auf, auf der anderen Seite
der sogenannten Krähen-Grenze, deren Grenzfluß die Elbe ist. Trifft man
sich vielleicht manchmal in der Mitte? Wo es auch einen Kirchturm gibt? Das
würde ich fragen.
Vielleicht ergibt sich aus der Antwort eine Grenzen einreißende Erkenntnis
darüber, warum ich beispielsweise nie im Westen Berlins gelebt habe,
geschweige denn westlich der Elbe. Möglicherweise stellt mein
Nebelkrähenfreund mich mit der Zeit auch anderen Krähen vor. Im Sinne der
Völkerverständigung wäre das eine herrlich beflügelte Idee. Dafür würde ich
sogar auf einen Kirchturm klettern.
Klaus Esterluss
16 Sep 2025
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
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