# taz.de -- berliner szenen: Als seien wir verabredet
       
       Über mir bricht der Himmel auf. Die schwarze Atmosphäre ist aufgeladen mit
       elektrischer Spannung. Gleich packt sie mich und wirbelt mich durch die
       sommerliche Luft. Auf meinem durch den Regen fliegenden Fahrrad fühle ich
       mich wie Superman auf einer Rettungsmission. Nur wen sollte ich schon
       retten? Besser, ich rette mich selbst und stelle mich unter. Bis zum
       Oranienplatz, wo ich einen Freund zu treffen hoffe, schaffe ich es eh
       nicht, ohne vorher zu ertrinken. Dort in der Toreinfahrt sieht es trocken
       aus. Ein älterer Mann wartet im Unterhemd auf das Ende des Weltuntergangs.
       Zwischen seinen dicht behaarten Beinen sitzt ein Dackel, der mich ängstlich
       beobachtet. Der Mann fängt gleich ein Gespräch über das Wetter an, als
       seien wir verabredet gewesen. Ich fühle mich aber nicht verabredet und
       bleibe wortkarg. Der Mann redet munter weiter.
       
       „Die Extremwetter nehmen zu, ziemlich schlimm“, höre ich ihn sagen und
       nicke ihm zu, schweige aber stur vor mich hin. Irgendwann plagt mich das
       schlechte Gewissen. Warum bin ich eigentlich so? Als guter Nachbar könnte
       ich doch wenigstens ein paar Worte mit dem umgänglichen Dackelmenschen
       wechseln. „Welche Rasse ist denn der Hund“, frage ich und komme mir blöd
       vor, weil es mich nicht die Bohne interessiert. Der Mann glotzt mich an,
       als hätte er mich durchschaut. „Wozu wollen Sie das denn wissen“, fragt er
       zurück. Ich sähe nicht aus wie ein Hundefreund, fügt er kritisch hinzu.
       „Mein Onkel hat auch so einen“, versuche ich mit einer Lüge meinen Leumund
       zu retten. „Ihr Onkel, ach so, na dann“, sagt er und erzählt mir über
       seinen Hund, der inzwischen ein Nickerchen macht. Ich höre die Wörter
       Stammbaum und Zuchtveredelung und schalte ab. Der Regen hat plötzlich
       nachgelassen. Ich sage Tschüss und verschwinde. Henning Brüns
       
       9 Sep 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henning Brüns
       
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