# taz.de -- berliner szenen: AchtundzwanzigApps later
Manchmal sieht man sie noch. In der Ecke einer verrauchten Kneipe oder
durch die offene Tür einer Spielothek im Sommer. Wie sie stundenlang vor
einem großen Automaten sitzen, ihn mit Münzen füttern, völlig weggetreten.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet diese Gestalten ein Vorgeschmack auf
das nahende Zeitalter der Algorithmensucht waren? Jahrzehnte später sind
sie überall. So auch im Wedding. Dort gibt es gleich am Bahnhof S+U Wedding
eine Fußgängerampel, die über die Müllerstraße führt. Die überquere ich
täglich auf meinem Weg zum Schreibtisch, und jeden Tag steht da jetzt eine
Traube aus Ampelzombies. Bei Rot ziehen sie ihr Phone aus der Tasche, und
weg sind sie. Aber keiner von ihnen drückt die Ampeltaste, weil sie
glauben, och, da kümmert sich schon wer anders drum, und so sammeln sie
sich allmählich. Auf beiden Seiten. Der Verkehr fließt ungehindert weiter,
und sie stehen so dicht um den Ampelmast herum, dass auch ich, der ich
offline und geistesgegenwärtig bin, den Knopf nicht erreichen kann. Wenn du
dich durch sie hindurchgräbst, knurren und brummen sie oft gereizt. Und
weil ich mir mittlerweile unsicher bin, ob nicht doch schon der Zeitpunkt
gekommen ist, an dem sie zu beißen und zu fauchen beginnen, mache ich einen
Bogen um sie, suche mir eine Lücke im Verkehr und lasse sie einfach dort
stehen. Jedes Mal frage ich mich, was die da wohl tun im Höllenschlund
ihrer Endgeräte. Wer weiß, womöglich bekämpfen sie libertär-faschistische
Tech-Bros aus Silicon Valley in irgendwelchen Kommentarspalten. Mit
cleveren Dreizeilern, die von einer KI redigiert wurden. Vielleicht lesen
sie aber auch exakt diesen Text hier. Und falls ja, also falls du, ja genau
du, das hier gerade liest, könntest du kurz aufschauen und den verdammten
Knopf drücken, damit es endlich grün wird? Danke. Maik Gerecke
8 Sep 2025
## AUTOREN
(DIR) Maik Gerecke
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