# taz.de -- dvdesk: Wenn sie nackt sind, sieht man die Narben
       
 (IMG) Bild: „Baby“ (Brasilien 2024, Regie: Marcelo Caetano). Die DVD ist ab rund 17 Euro im Handel erhältlich.
       
       Eigentlich heißt er mit Vornamen Wellington, wie der britische General. Im
       Gespräch mit einem Kunden, mit dem er Sex haben wird, nennt er sich Cléber,
       so hieß ein junger Mann, den er im Knast kennengelernt hat. Der Mann, mit
       dem er eine Beziehung beginnt, der ihn auch zur Sexarbeit bringt, sei kein
       Baby, sagt Ronaldo, als Wellington abhaut, um vor der Zudringlichkeit eines
       Kunden zu fliehen. Baby ist der Name, den Wellington sich daraufhin gibt.
       Und Wellington/Cléber/Baby (João Pedro Mariano) ist zwar schnell reich an
       Namen, aber nicht an Jahren. Vor dem Vorspann ist er im Knast, in dem er
       zwei Jahre saß, danach ist er draußen. Und gerade mal achtzehn.
       
       Draußen ist: São Paulo, sind die Straßen der Stadt, in denen er gleich
       Kontakt aufnimmt zu den durch die Nacht voguenden queeren Freunden von
       früher. Seine Eltern, erfährt er – erfährt er erst jetzt –, haben die
       Großstadt verlassen. Die Mutter Friseurin, der Vater Polizist, er hat aus
       Scham über den Sohn seinen Job an den Nagel gehängt und in der kleinen
       Stadt seiner Herkunft anders weitergemacht. Kein einziges Mal haben sie ihn
       im Gefängnis besucht. Was genau Wellington angestellt hat, erfährt man nur
       als Gerücht: die Schule angezündet, angeblich ist dabei jemand ums Leben
       gekommen, aber das leugnet er strikt.
       
       Wellington sucht Job, Unterkunft, Anschluss, Familienersatz. Und gerät so
       an Ronaldo (Ricardo Teodoro), mehr als doppelt so alt, der als Escort und
       mit dem Verticken von Drogen sein Geld verdient. Und Wellington wird sein
       Lover und Sexarbeit-Schüler, es ist eine Beziehung, die beiden etwas gibt,
       das sie brauchen, nicht nur das Geld, nicht nur den Sex. Der Film tut den
       Teufel, darüber ein Urteil zu fällen.
       
       Er will zeigen, dabei sein, beobachten, ohne Distanz und ohne
       Aufdringlichkeit. Manchmal zoomt er ins Geschehen hinein, oft geht es vor
       allem um die Lichter und das Dunkel der Großstadt in der Nacht, manchmal
       fadet die Kamera die Personen im Hintergrund in die Unschärfe weg: Empathie
       mit den Figuren kann auch heißen, sie von Zeit zu Zeit in Ruhe zu lassen.
       Und empathisch ist dieser Film, gegen das Klischee seines Milieus
       keineswegs düster, auch wenn die Gewalt, nicht zuletzt als brutale Polizei-
       und Staatsmacht, ihre mehr als bedrohlichen Auftritte hat. Es ist, gegen
       die Macht, ein Film der ungesicherten Existenzen, aber auch der
       selbstbewussten und lebendigen Körper. Wenn sie nackt sind, sieht man die
       Narben.
       
       Nichts wird verklärt, aber die Farben sind warm, und nicht nur die kurzen
       Vogue-Auftritte, mit denen die queere Freundestruppe in Bussen Geld zu
       machen versucht, rücken „Baby“ vom kitchen sink weg in Richtung Melodram.
       Wenn auch ganz bewusst runtergedimmt auf Straßenniveau. 
       
       Das Drama nimmt Regisseur Marcelo Caetano nach Möglichkeit raus. So wird
       das Suchen und Wiederfinden der Eltern (plus Baby-Schwester) eine
       bewegende, aber emotional ganz und gar nicht zugespitzte Sache. Mit großer
       Selbstverständlichkeit kommt auch Ronaldos Vorgeschichte ins Bild: mit Kind
       und Ex-Frau, die nun aber mit einer ehemaligen Prostituierten zusammenlebt.
       
       Und so wird zwar vor allem Wellingtons Geschichte erzählt. Sein Driften von
       Ronaldo zu einem älteren Mann, Alexandre, in dessen sehr nobler Wohnung und
       sehr fremden Welt er eine Weile einen Safe Space findet, oder auch mehr.
       Dann zurück auf die Straße, zu den Freunden, am Ende eine
       Zufallswiederbegegnung mit Ronaldo im Bus, die zuletzt noch einmal die
       Perspektive verschiebt. Wellington, der im Lauf des Films seinen 19.
       Geburtstag feiert, blickt in eine ganz offene Zukunft.
       
       Ronaldo, der ältere Mann, hat mehr als einen Verlust zu beklagen. Ekkehard
       Knörer
       
       21 Aug 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ekkehard Knörer
       
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