# taz.de -- Arno Frank und das falsche Leben: Einmal Punk, immer Punk!
       
       > Angriffskrieg hin oder her: Wer auf der richtigen Seite der Geschichte
       > steht, muss seine Meinungen nicht ändern.
       
 (IMG) Bild: So nah wie auf diesem KI-generierten Bild waren sich Kohl und der Punk in unserem Autor noch nie
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Wo immer gerade „Gechichte“ ([2][Helmut Kohl]) gemacht
       wird, wollen Hinz und Kunz „am Ende des Tages“ neuerdings schon immer auf
       der richtigen Seite der Geschichte gestanden haben. Ich finde das
       beneidenswert. Mich persönlich plagen permanent Zweifel, auch ändere ich
       hin und wieder meine Meinungen.
       
       Wer auf der richtigen Seite der Geschichte steht, muss seine Meinungen
       nicht ändern. Er steht schließlich auf der richtigen Seite der Geschichte,
       hat’s immer schon gewusst und wird es auch immer wissen. Komme, was da
       wolle! Wer auf der richtigen Seite der Geschichte steht, hat sich gegen
       alle Wechselfälle der Geschichte immunisiert, jede Abwägung abgeschlossen –
       und damit einen Zustand der Unfehlbarkeit erreicht, der es ihm erlaubt,
       seine herbeibehaupteten Gewissheiten fortwährend in die Welt
       hinauszutrompeten. Wer seine Meinung nicht teilt, steht auf der falschen
       Seite der Geschichte und ist verdammt in alle Ewigkeit.
       
       Ich weiß, wovon ich rede: Vor etwa 18 Jahren hat die taz einen Text von mir
       veröffentlicht, den ich so heute nicht mehr schreiben würde. Gefragt war
       eine starke Meinung, und zwar auf die Schnelle. Sicherheitshalber drehte
       ich sie mit dem Stilmittel der grotesken Übertreibung ins Satirische.
       
       Bald stellte sich heraus, dass Angehörige einer „vulnerablen Minderheit“
       meinen Text nicht als Glosse lesen konnten. So verletzt fühlten sich diese
       rechtschaffenen und sensiblen Menschen, dass mich für eine Weile täglich
       Mails des Inhalts erreichten, einem Schurken wie mir gehörten „mit einer
       rostigen Rasierklinge die Eier abgeschnitten“.
       
       Irgendwann dämmerte mir, dass der [3][Kulturkampf] um das Thema immer
       radikaler geführt wurde – und meine Worte darin wirklich als Waffe
       eingesetzt wurden. Also habe ich den betreffenden Text eines Tages
       depublizieren lassen. Eine normale Suche bei [4][Google] wird keine Treffer
       liefern.
       
       Nicht, weil ich den Text nicht geschrieben haben oder nachträglich
       rübermachen will auf die richtige Seite der Geschichte. Einfach, weil meine
       Meinung erstens nicht relevant ist, ich zweitens kein Kulturkämpfer und
       drittens nicht Journalist geworden bin, um irgendwen zu verletzen – erst
       recht keine „vulnerable Minderheit“.
       
       Deshalb habe ich getan, was ich tun konnte, und die Mine sozusagen
       vergraben. Zufällig wird niemand jemals wieder darauf treten. Ihre weitere
       Verwendung als Waffe hat ganz allein zu verantworten, wer gezielt danach
       sucht, sie eifrig wieder ausbuddelt, reproduziert und all over the place
       verteilt. Er oder sie wird dafür schon irgendwelche Gründe haben. Der
       Schutz „vulnerabler Minderheiten“ jedenfalls gehört nicht dazu, im
       Gegenteil.
       
       Hinzu kommt, dass Menschen sich ändern können. Innerhalb von 18 Jahren
       sowieso. Manchmal sogar von heute auf morgen. Klingt völlig verrückt, ich
       weiß. Aber sowas gibt’s.
       
       Helmut Kohl beispielsweise. Was habe ich ihn früher verabscheut und
       verachtet! Heute muss ich zähneknirschend einräumen, dass dieser dicke
       Dummkopf immerhin und offensichtlich der letzte echte Europäer im
       Kanzleramt gewesen ist. Wovon ich freilich früher nichts wissen wollte,
       wähnte ich mich auf der richtigen Seite der Geschichte. Dort ist das Gras
       immerzu grüner als anderswo, dort räkele ich mich unablässig im
       Sonnenschein meiner Selbstgerechtigkeit. Dort ist meine Meinung
       eschatologisch begründet und damit, wie bei religiösen oder ideologischen
       Eiferern üblich, sub specie aeternitatis unverhandelbar bis ans Ende aller
       Tage.
       
       Einmal [5][Pazifist], immer Pazifist! Einmal Punk, immer Punk! Punkt. Ganz
       egal, ob neuerdings ein Angriffskrieg im Haus steht oder mit dem Alter
       irgendwann die Erkenntnis reift, dass die Sinfonien von meinetwegen
       Sibelius ästhetisch vielleicht irgendwie doch ergiebiger sind als drei
       Akkorde und „die Wahrheit“.
       
       Nicht die intellektuellen Wechselwähler werden uns in den Abgrund führen,
       fürchte ich, eher schon die vulnerable Minderheit frühvergreister
       Immerschonbescheidwisser. Aber auch das ist jetzt nur meine Meinung. Kann
       sein, dass ich das in 18 Minuten anders sehe. Oder in 18 Jahren.
       
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       19 Aug 2025
       
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