# taz.de -- berliner szenen: Bis zur Zukunft dauert’s noch
Was wir brauchen,“ sagt E, „ist anarchistischer Kommunismus.“ Er steht da,
mit den Händen in den Hüften, unten am Weißen See. Wir warten auf J., der
eben noch was bei der Freilichtbühne auskundschaften wollte. Wir beobachten
solange eine Taube. Sie steht ratlos an der Uferböschung und guckt sich die
jungen Schwäne an.
Nur das sei ja wohl die Lösung, meint E. Und dass ich da alle fragen könne.
E. ist 13, glaube ich, und sieht so aus, als hätte er den Kropotkin
meterweise im Regal neben dem Bett. Ich weiß niemanden, den ich da fragen
könnte. Also zücke ich mein Handy und frage die Suchmaschine. Von ihr weiß
ich dann auch den Namen Kropotkin. So weit, so gut. „Was ist denn mit
Kapitalismus?“, frage ich. E. sieht mich fassungslos an. „Wie soll das
gehen?“, ruft er, Haare raufend. Er nimmt sogar extra sein Dockercap ab. Er
und J. sind so was wie Brüder, J. ist mein Sohn.
„Kapitalismus ist tot!“, ruft E. Und dass er auch nicht daran glaube, dass
da noch was zu retten sei. Dabei kann ich ziemlich sicher mitgehen, auch
ohne eine Suchmaschine zu fragen.
Ich lerne, und lese den Sucheintrag so vor, dass E. es hören kann, dass
anarchistische Kommunisten wenig vom aktuellen Staatskonstrukt halten und
viel lieber eine Gesellschaft ohne Herrschaftsstrukturen hätten. „Alles
gehört allen, grob gesagt“, fasse ich zusammen. „Siehste?“, triumphiert E.
Er winkt J., der inzwischen seine Suche beendet hat und aus einem Gebüsch
tritt. E. ruft: „Ey, lass mal’ne neue Nerf kaufen gehen!“
„Au ja!“, ruft J. zurück. Ohne Abschied traben die Jungs los. Ich sehe zum
See. Da ist die Taube noch. Sie dreht ihren Kopf. Ich erhasche ihren Blick
aus runden, weisen Augen. „Wir haben offenbar noch zu tun“, sage ich. Die
Taube tippelt nickend davon.
Klaus Esterluss
28 Aug 2025
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
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