# taz.de -- das wird: „Mit dem Außen das Innen ändern“
       
       > Das „Mural City“-Festival macht zehn Bremer Wände bunt – da, wo es sonst
       > wenig Kunst gibt
       
       Interview Amelie Müller
       
       taz: Herr Stöcker, finden Sie Bremen hässlich und grau? 
       
       Peter Stöcker: Jede Großstadt und so auch Bremen hat schöne und weniger
       schöne Seiten. Ich möchte gerne dazu beitragen, dass es mehr von den
       schönen Seiten gibt.
       
       taz: Das möchten Sie mit einem Fest für Fassadenkunst tun und fangen im
       Stadtteil Gröpelingen an – ein ehemaliges Arbeiterviertel durch seine Nähe
       zum Hafen. Warum startet das Fest hier? 
       
       Stöcker: In Stadtteilen wie Gröpelingen gibt es Gebäude, die objektiv und
       subjektiv betrachtet nicht die schönsten sind. Aber wir sehen ein großes
       Potenzial in diesen Flächen. Sie wirken auf uns wie große, weiße Leinwände.
       Die Kunst, die wir machen und befördern, hat eine starke transformative
       Kraft. Die möchten wir nutzen, um Quartiere, die es besonders nötig haben,
       aufzuwerten.
       
       taz: Warum hat es Gröpelingen nötig? 
       
       Stöcker: Es ist ein sehr durchwachsener Stadtteil mit ganz
       unterschiedlichen Facetten. Bremen hat mehrere dieser Peripheriebezirke, in
       denen in Teilen immer auch Armut und Perspektivlosigkeit eine Rolle
       spielen. Das ist sicher nicht das Einzige, was das Quartier und die dort
       lebenden Menschen ausmacht, es ist aber auch nicht schönzureden oder zu
       übersehen.
       
       taz: Es werden zehn Fassadenkunstwerke, Murals genannt, zum Oberthema
       „Beauty of Nature“ entstehen. Wieso dieses Thema? 
       
       Stöcker: Wir wollen ein nachhaltiges „Urban Art“-Fest auf die Beine
       stellen. Und es gibt in Bremen immer touristische Jahresthemen. Das Thema
       dieses Jahr ist „Natürlich Bremen“, das hat gut gepasst. Dabei geht eine
       Motivwelt auf, mit der sich viele Leute identifizieren können. Wir wollen
       alle Menschen mitdenken, die mit diesem Projekt in Berührung kommen.
       
       taz: Dabei setzten Sie auf nachhaltige Farben. Was unterscheidet diese
       Farbe von herkömmlicher? 
       
       Stöcker: Wir arbeiten mit klimapositiver Fassadenfarbe. Die enthält einen
       bestimmten Stoff, der Schadstoffe aus der Umgebungsluft aufspaltet und
       dadurch die Umgebungsluft reinigt und verbessert. Die Farben haben also
       eine photokatalytische Wirkung.
       
       taz: Also verzichten Sie auf Sprühfarben? 
       
       Genau. Wir kommen aus dem „Urban Art“-Kontext, wo Künstlerinnen und
       Künstler klassischerweise mit Sprühdosen arbeiten. Ich habe mich bei diesem
       Event entschieden, fast ausschließlich auf Fassadenfarben zu setzen. Das
       heißt mit Rolle und Pinsel. Da verlassen einige Künstler ihr Medium.
       
       taz: Glauben Sie, die nachhaltigen Farben können einen Unterschied
       bewirken? 
       
       Stöcker: Keiner von uns kann als Einzelperson die Welt ändern. Aber wir
       können schauen, was wir in unserem Umfeld umgestalten können, um vielleicht
       einen kleinen Unterschied zu machen, was die Zukunft unseres Planeten
       angeht. Und wenn es nur bei ein paar Menschen ein Umdenken anstößt.
       
       taz: Das Fest soll ab jetzt jedes Jahr stattfinden. Ist der Plan, dass
       Bremen irgendwann keine graue Wand mehr hat? 
       
       Stöcker: Das wäre aus meiner Perspektive natürlich wünschenswert, wenn es
       wirklich auffällig viele Kunstwerke hier gibt. Bremen hat ja auch eine
       lange Historie, begonnen bei Bunkermalereien, die die Kriegsthematik
       aufgegriffen haben. Es gibt aber auch viele moderne Arbeiten, die aus dem
       Graffiti- oder aus dem „Urban Art“-Kontext stammen. Ich persönlich freue
       mich, ganz viel Kunst nach Bremen zu bringen und auch internationale Gäste
       einzuladen. Für das Mural-Festival habe ich eine Zehnjahresplanung vor
       Augen. Das ist aber davon abhängig, in welcher Form wir Unterstützung haben
       und ob wir die nötigen Mittel akquirieren können.
       
       taz: Kann ein Mural konkret die Lebensrealität von einem Menschen
       verbessern? 
       
       Stöcker: In erster Linie ist immer jeder für sich selbst verantwortlich.
       Dennoch denke ich, dass, wenn man das Außen ändert, sich vielleicht auch im
       Innen was ändern kann. Man spürt hoffentlich die Energie, die in die
       Kunstwerke hineingegeben wird – egal ob sie lustig sind oder informierend
       oder inspirierend. Die Murals sind eine Art Wertschätzung für Viertel, in
       denen Menschen weniger mit Kunst in Kontakt kommen oder auch gar nicht die
       finanziellen Mittel haben, sich Kunst zu leisten.
       
       15 Aug 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amelie Müller
       
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