# taz.de -- Protest in China: Bürgerwut trifft auf brutale Polizei
       
       > In Südwesten Chinas hat ein Mobbingfall unter Schülerinnen zum
       > Massenprotest empörter Bürger geführt. Diese kritisieren die Reaktion der
       > Behörden.
       
 (IMG) Bild: Straßenproteste in Jiangyou, China, im August 2025
       
       BERLIN taz | Über tausend Demonstranten haben sich am Montag in der
       südwestchinesischen Stadt Jiangyou (Provinz Sichuan) eine Straßenschlacht
       mit Spezialeinheiten der Polizei geliefert. Die wütende Menge warf mit
       Flaschen und Müllresten auf die Sicherheitskräfte und rief immer wieder:
       „Gebt uns unsere Demokratie zurück!“
       
       Die Polizisten prügelten auf die Menge ein, zerrten Einzelne über den
       Asphalt und fuhren sie schließlich auf vergitterten Ladeflächen von Lkws
       wie Vieh ab.
       
       Was löste den Volkszorn aus? Der sogenannte Jiangyou-Vorfall startete mit
       einem auf den ersten Blick unpolitischen Kriminalfall. Ein 14-jähriges
       Mädchen aus einfachen Verhältnissen – die Mutter gehörlos, der Vater
       körperlich behindert – wurde von drei Mitschülerinnen in ein verlassenes
       Gebäude gelockt.
       
       Dort misshandelten sie ihr Opfer über Stunden. Traten auf das Mädchen ein,
       schlugen es mit einem Wasserrohr, rissen seine Kleider vom Leib. Stolz
       nahmen die Täterinnen, ebenfalls zwischen 13 und 15 Jahren, die Folter per
       Handykamera auf.
       
       ## Behörden reagierten erst nach massivem öffentlichen Druck
       
       Die Misshandlung fand bereits am 22. Juli statt, doch handelten die
       alarmierten Behörden offenbar langsam und unmotiviert. Erst nach massivem
       öffentlichen Druck gaben sie eine Erklärung ab, wonach die Täterinnen mit
       milden Strafen davon kamen – zwei sollen angeblich auf eine Schule mit
       besonderen Erziehungsmaßnahmen versetzt werden, eine kam mit einer
       Belehrung davon.
       
       Der Vater des Opfers, ein Analphabet, soll zudem von der Polizei gedrängt
       worden sein, eine Einigung zu unterzeichnen, die er nicht verstand.
       
       Die Öffentlichkeit vermutete eine Zweiklassenjustiz. Denn die Eltern der
       Täterinnen, so hieß es in Gerüchten in den sozialen Medien, hätten gute
       Verbindungen zu den Autoritäten.
       
       Mit Hunderten Sympathisanten zog die Familie des Opfers zur
       Stadtverwaltung, wo einige Personen das Gebäude stürmten. Die Polizei
       mobilisierte Sondereinheiten und mindestens ein Militärfahrzeug mit
       Störsender, um Internet und Mobilfunk zu blockieren.
       
       ## Umgehung der Zensur mit Hilfe von US-Plattformen
       
       In Chinas Internet ist der Jiangyou-Vorfall ein politisch heikles Thema.
       Die staatlich kontrollierten Medien dürfen nur anhand strenger Richtlinien
       berichten. Und in den sozialen Medien selektiert der Algorithmus der
       Zensurbehörden, welche Kommentare öffentlich werden.
       
       Doch Aktivisten im Ausland, die schon seit Jahren Chinas Protestbewegungen
       beobachten, konnten Bilder in den wenigen Minuten, bevor die Zensur greift,
       vom Vorfall archivieren. Dann wurden Videos und Texte auf X, Youtube oder
       Instagram hochgeladen. Auf diese US-Plattformen hat Chinas Zensur keinen
       Zugriff.
       
       Dort können Chinesen mit einer VPN-Software über das Thema debattieren.
       „Mein Herz schmerzt“, kommentiert ein Internetnutzer. Ein anderer meint:
       „Eine Regierung ohne Glaubwürdigkeit; ein Nährboden für Korruption und
       Bestechung; ein Land, das bis in seine Grundfesten verdorben ist.“
       
       „Der Fall ist zwar nicht einzigartig, aber er hat mich echt aufgeregt, weil
       ich selbst mal Opfer von Mobbing in der Schule war“, erinnert sich ein
       Chinese, der heute im Ausland lebt: Vor Mitschülern, gaffenden Passanten
       und sogar dem Wachmann der Schule wurde er einst krankenhausreif
       geschlagen. Die Anzeige habe die Schulleitung versucht zu unterbinden, um
       ihre Reputation nicht zu beschädigen.
       
       ## Kleine lokale Proteste sind in China alltäglich
       
       Tatsächlich gibt es jedes Jahr Tausende soziale Proteste in China. Meist
       finden sie fern der Öffentlichkeit statt. Es sind lokale Proteste mit
       wenigen Teilnehmenden gegen Zwangsumsiedlungen, ärztliche Behandlungsfehler
       und korrupte Kader.
       
       Der Sinologe Christian Göbel von der Universität Wien hat soziale Medien
       ausgewertet, nach welcher Logik die Behörden entscheiden, ob sie Proteste
       unterdrücken oder nicht. Zielten sie auf finanzielle Zugeständnisse von
       lokalen Regierungen, „ist eine Unterdrückung weitaus wahrscheinlicher als
       bei Protesten, die sich gegen nichtstaatliche Einrichtungen richten“,
       schrieb Göbel 2021.
       
       Auch sei die Zahl der Demonstrierenden entscheidend: Je mehr protestierten,
       desto wahrscheinlicher greift die Polizei ein.
       
       Auch Ende 2022 war dies der Fall, als erstmals seit Jahren Demonstranten in
       den großen Metropolen direkt die Zentralregierung herausforderten.
       [1][„Nieder mit Xi Jinping!“, schrie eine Mengen in Shanghai bei Protestern
       gegen die Null-Covid-Politik.]
       
       ## Identifikation dank effektiver digitaler Überwachung
       
       Doch zeigte sich auch die Macht des digitalen Überwachungsstaates:
       Sämtliche Demonstranten, auch wenn sie ohne Smartphone auf die Straßen
       zogen und Gesichtsmasken trugen, konnten identifiziert werden. Einige kamen
       mit einem Verhör und einer Verwarnung davon, andere verschwanden über
       Monate.
       
       Dass sich der Jiangyou-Vorfall jetzt ausbreitet, ist unwahrscheinlich.
       Schon am Dienstagmorgen riegelte die Polizei die Innenstadt ab.
       
       5 Aug 2025
       
       ## LINKS
       
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