# taz.de -- berliner szenen: Tiere reden über Menschen
R kommt auf einen Kaffee vorbei und erzählt, dass er davon aufgewacht ist,
dass sich eine Taube durchs offene Fenster in die Küche verflogen hat. „Ich
weiß echt nicht, wer aufgeregter war. Die Taube oder ich. Sie ist die ganze
Zeit herumgeflattert und ich musste alles wegräumen, habe das Fenster
geöffnet, da ist sie aber dann hinter die Scheibe und flatterte noch
aufgeregter herum. Das hat so genervt, dass ich sie mal kurz angeschrien
habe.“ „Was hast du geschrien?“, frage ich. „Taube, jetzt halt endlich
still!“ R. schreit es jetzt auch und ich muss lachen. „Hat aber geholfen.
Da wurde sie echt ein bisschen ruhiger.“ „Die hatte Angst vor dir“, sage
ich. „Hat sie denn alles vollgemacht? Vögel kacken ja, wenn sie Angst
haben.“ „Nee, das ging eigentlich. Und wir haben es zusammen dann auch
geschafft, dass sie die Freiheit findet.“
„Ich hatte mal eine Meise.“ R. guckt mich bedeutungsvoll an. „Es war eine
Babymeise, die im Wohnzimmer saß und gar nicht mehr weg wollte.“ Ich
ignoriere R.’s noch bedeutungsvolleren Blick. „Ich und die Meisenmutter
draußen waren so aufgeregt, weil das Baby fröhlich auf der hängenden
Leitung meiner Lampe schaukelte und in meinem Gummibaum wippte wie auf
einem Spielplatz.“ R. trinkt einen Schluck. „Damals in Kreuzberg hatte ich
mal eine Fledermaus zu Besuch, das war auch aufregend. Ich habe vor allem
gedacht, dass sie über Ultraschall so Hindernisse ausloten und bin mit
einer ausgebreiteten Decke vor ihr hergelaufen, damit sie denkt, da ist
eine Wand und so zum Fenster fliegt, aber das hat so gar nicht geklappt.“
Ich stelle mir R. vor, wie er mit einer Sofadecke und hoch ausgestreckten
Armen durch sein Zimmer wandelt und eine Wand imitiert und frage mich, wie
sich Tiere diese Geschichten über lustige Menschen wohl gegenseitig
erzählen würden. Isobel Markus
25 Jul 2025
## AUTOREN
(DIR) Isobel Markus
## ARTIKEL ZUM THEMA