# taz.de -- berliner szenen: Ein Kanne Lavendeltee lang
Mit jedem Tag dreht sich die Welt schneller. Die beklopptesten Typen des
Universums sitzen gerade an ziemlich langen Hebeln. Man mag kaum mehr
Nachrichten einschalten abends, weil direkt wieder etwas Neues irgendwo los
ist, von dem es im Anschluss eine Sondersendung gibt. Die ich mir natürlich
wieder angucke, weil ich das alles nicht glauben kann. Abends liege ich
dann im Bett und nehme mir fest vor: Morgen guckst du aber mal wirklich
nichts an! Das haut dich sonst noch um. Bis dann am nächsten Tag wieder was
ganz Ungeheuerliches passiert ist, bei dem man sich fünfzig Mal kneifen
möchte. Heute kurz vor Mitternacht mache ich eine Körperreise und schiebe
sämtliche Gedanken so weit raus in den Berliner Nachthimmel, wie es nur
geht. Fühlt sich gut an – bis zu dem Moment, als mir der amerikanische
Präsident irgendwo aus dem Off einen Deal vorschlägt. Am nächsten Tag
beschließe ich, in die Offensive zu gehen: Abends kommt Torsten auf ein
Bier vorbei. Ihm geht es ähnlich wie mir. Vorsorglich stellen wir das Bier
zur Seite und machen uns eine Kanne Lavendeltee. „Ich hab neulich geträumt,
die Weidel würde mich dazu zwingen, in Friedrichshain AfD-Plakate
aufzuhängen“, sagt er. „Auch nicht schön“, erkläre ich, und wir verdrehen
die Augen. „Lass uns doch einfach was ganz, ganz Harmloses gucken“, schlägt
er vor. „Irgendwas, als die Welt noch in Ordnung war. Zumindest gefühlt.“
„‚Liebling Kreuzberg‘?“ „Gab’s bei uns erst nicht. Bei uns lief ‚Alfons
Zitterbacke‘.“ Ich stelle eine Packung Salzstangen auf den Tisch. Torsten
macht uns einen Teller Apfelschnitze. Dann sehen wir uns zwei Stunden lang
Sandmännchen an. Mal die Ost-, dann die Westversion. Immer schön im
Wechsel. Die Welt eine Kanne Lavendeltee lang draußen lassen. Es ist
wunderbar.
Jochen Weeber
23 Jul 2025
## AUTOREN
(DIR) Jochen Weeber
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