# taz.de -- berliner szenen: Oh, ein Drachenbaum!
Seit Wochen bekomme ich Stapel von Büchern als Leihgabe: „Das verringert
mein Umzugsgut.“ Ich bin Zwischenlager. Manchmal gibt es auch Stapel
bedrucktes Papier, „Könnte dich interessieren. Wenn nicht, vernichten.“ Ich
bin Entsorgerin, und jetzt auch noch Packhilfe.
Im Flur stehen neue Kartons, dazu holen wir aus dem Keller gebrauchte,
inklusive zweier hoher Kleiderboxen. Sie stehen wie auf einem Rahmen mit
nach innen gefalzten Ecken. „Was sollen die eingedrückten Ecken?“, frage
ich, „Wer denkt sich so etwas aus? Platt auf dem Boden wäre besser.“ „Denk
an Physik!“ Um mir die Konstruktion zu erläutern, positioniert sich die
Freundin in der langen Seitendehnung, „Mit dem gebeugten Arm auf dem
angewinkelten Standbein ist deine Stabilität erhöht gegenüber dem Stand auf
2 Füßen …“ Ich staune. Die Bügel, sogar T-Shirts haben einen, wandern vom
Schrank in die Boxen.
„Oh, ein Issey Miyake-Kleid!“ „Von einer Tante, trage ich, wenn mir nach
Walküre ist“, meint sie.
„Oh, ein türkises Kostümchen, oha, die Hängung der Kleiderbox knickt ein!“
Ich habe in jedes Bügelloch 2 oder 3 Teile verfrachtet. Wir sortieren neu.
2 Blusen landen auf einem Stuhl. „Eine Secondhand-Interessentin kommt
morgen noch, die könnten ihr passen.“ Schuhe füllen den größten Karton,
alle in Originalschachteln. Wir schaffen was weg.
Nur das Tatütata der alle halbe Stunde zur Charité rasenden Krankenwagen
wird hierbleiben. Und der Feinstaub, der hier bis in das 4. OG wirbelt. Sie
zieht 3 Minuten Fußweg weiter, in eine ruhige Wohnstraße mit Balkon.
Ihr Drachenbaum wohnt dort schon seit Himmelfahrt, gekarrt per
Lastenfahrrad. Auf der Leerfahrt in die alte Wohnung saß die Freundin vorne
auf der Ladefläche. Die neue Wohnung wird bestimmt wie ein neues Leben.
Silke Mohr
16 Jul 2025
## AUTOREN
(DIR) Silke Mohr
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