# taz.de -- berliner szenen: Das Quetschie-Imperium
C und ich sitzen am Strandbad Weißensee. Es ist so eine Arbeitssache, aber
eigentlich arbeiten wir nicht. Wir sehen dabei zu, wie ein kleines,
rundliches Mädchen damit beginnt, sich Sand in den Mund zu stopfen.
Langsam, aber energisch. Es trägt Zöpfe und rosa Schleifchen. Das Kind ist
offensichtlich Wiederholungstäterin. Es sitzt, hochprofessionell und
planvoll, hinter dem Rücken seiner Mutter und vollzieht sein Werk. Gesund
ist das sicher auf Dauer nicht. „Aber Dreck reinigt doch den Magen“, sagt
C. „Oder?“ Wir müssen allerdings nicht aus hygienischen Gründen
einschreiten. Die Mutter spürt offenbar die Bescherung. Das Strandbad kann
seinen Sand behalten. Mit großer Selbstverständlichkeit zieht sie ein Tuch
aus einem mitgebrachten Beutel. Sie beginnt damit, dem Kind brockenweise
Sand aus dem Mund zu pulen. Um den Mund herumzuwischen, spart sie sich
allerdings.
Stattdessen steckt sie dem Kind einen Quetschie in den Mund. Eines dieser
Fruchtbreipäckchen, die für viel Geld so tun, als wären sie frisches Obst.
Nun ist an Arbeit tatsächlich nicht mehr zu denken. C. und ich planen den
großen Coup. Das Quetschie-Imperium! Weg mit dem schnöden
Kindern-Quetschies-in-die-Schnute-Schieben. Her mit den Ideen! Natürlich,
stellen wir schnell fest, brauchen wir ein Quetschi-Kochbuch in
Quetschie-Form! Quetschbar, versteht sich. Wir brauchen salzige
Rote-Bete-Gurke-Fenchel-Quetschies. Wir brauchen
Hafer-Nuss-Bergsteiger-Quetschies, die so trocken sind, dass wir sie
Staubies nennen. Wir bringen Pizza-Quetschies auf den Markt im Doppelpack:
einen für Teig, einen für Belag. „Weißt du“, grübelt C. grinsend, „ich
fürchte, ich würde das kaufen.“ Wir schauen das Mädchen an. Der Quetschi
ist leer. Und dann ist uns klar, was wir wirklich tun müssen. Wir brauchen
Sandies. Das ist es.
Klaus Esterluß
14 Jul 2025
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
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