# taz.de -- berliner szenen: Helmpflicht in der Rennbahnstraße
Achtung,“ ruft der Mann im Blauhemd. Und noch einmal: „Achtung!“ Ich achte
nicht auf ihn, ich bin beschäftigt. Ich filme, in Zeitlupe, mit dem Handy.
Das braucht meine volle Aufmerksamkeit. Ich filme den Mann, der da ruft.
Und den Mann ihm gegenüber. Ich sehe auch, dass er ruft. Aber, Fokus. Das
Rufen geht mich nichts an. Wir sind gerade zwei Stunden herumspaziert,
vielleicht drei. Das waren bestimmt 15.000 Schritte. Wie soll ich da auf
Kleinigkeiten achten?„Achtung!“, ruft der Mann. E. macht: „Psst!“ Ich
antworte: „Spazieren ist Jogging für modebewusste Menschen.“ Ich grinse. E.
steht neben mir. Natürlich hat sie den Mann gehört. Sie sieht mich
abwartend an. J. übrigens auch. Aber ich muss den Mann ja filmen. Er ist
Teil eines Baseballspiels. Zwischen ihm und uns steht ein Zaun. Irgendwo
dazwischen sitzen Zuschauerinnen auf Plastikstühlen. Manche haben auch
blaue Hemden an. Manche gucken zu uns. Der rufende Mann hat mit einem
Schläger einen Ball geschlagen. Der ihm gegenüber hat weit ausgeholt, sich
zurückgebogen und den Ball kraftvoll geworfen. Ich will die Begegnung von
Schläger und Ball mit meiner Zeitlupenaufnahme erwischen. Die
Zuschauerinnen jauchzen beim Treffer. Ich stoppe die Aufnahme und beginne,
den Ball zu suchen. Da ist der Schlag. Aber wo ist der Ball? Der Werfer
sieht sich um. Der Fänger genauso. Punkt für die Blauen. Nur der Schläger
sucht nicht. Er ruft: „Achtung!“ Auf der Aufnahme sieht er in unsere
Richtung. E. begreift zuerst. Sie tritt einen Schritt nach links. J. geht
mit. „Psst,“ sagt sie. Dann zieht sie mich am Jackenärmel. Ich folge. Eine
Sekunde später schlägt der Ball rechts neben mir ein. Dass Weißensee eine
Baseball-Mannschaft hat, die Roadrunners heißt, kommt ähnlich überraschend
wie der Ball. Wir sehen uns hier jetzt öfter.
Klaus Esterluß
19 Jun 2025
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
## ARTIKEL ZUM THEMA