# taz.de -- taz🐾thema: Über die grüne Wiese zur weißen Weste
       
       > Milch gehört für die meisten Menschen selbstverständlich zur Ernährung.
       > Der hohe Bedarf wirkt sich negativ auf die Klimabilanz aus und gefährdet
       > das Tierwohl. Es geht auch anders. Einige machen es bereits vor
       
 (IMG) Bild: Milchkühe können das natürliche Gleichgewicht stabilisieren. Dabei kommt es auf die richtige Haltung an
       
       Von Cordula Rode
       
       „Die Milch macht’s“ – aber wer macht die Milch? Laut Milch-Industrieverband
       gab es 2024 rund 3,7 Millionen Milchkühe in Deutschland. In den letzten 70
       Jahren ist die Zahl der Milchkühe um mehr als zwei Millionen gesunken,
       ebenso die Zahl der Milchviehhalter, die bei rund 50.000 Betrieben liegt.
       Aber: Die durchschnittliche Milchleistung der Kühe ist in den vergangenen
       Jahren stark angestiegen. Heute erzeugt eine Kuh im Durchschnitt etwa 8.950
       Kilogramm Rohmilch pro Jahr. Statista gibt den Pro-Kopf-Verbrauch von
       Frischmilcherzeugnissen mit rund 82 Kilogramm an.
       
       Schon lange steht die Massentierhaltung, nicht nur bei Rindern, stark in
       der Kritik. Neben dem meist eher überschaubaren Tierwohl gilt die Kritik
       besonders den immensen Emissionen, die durch diese Form der Landwirtschaft
       entstehen. Das Umweltbundesamt legte im März aktuelle Zahlen vor, nach
       denen die deutsche Landwirtschaft 2023 für die Freisetzung von 54,8
       Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid-Äquivalenten verantwortlich war.
       
       Das sind 8,2 Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen Deutschlands des
       Jahres 2023. Die Methanemissionen des landwirtschaftlichen Sektors (rund
       62 Prozent der Emissionen) stammen hauptsächlich aus der Verdauung und dem
       Wirtschaftsdüngermanagement aller Nutztiere. Eine aktuelle Studie von
       Greenpeace kommt sogar auf deutlich höhere Zahlen und erweitert den Aspekt
       des Klimaschutzes auch auf Emissionen, die entlang der Lieferketten
       entstehen.
       
       Es gibt zahlreiche Ansätze, die durch Tierhaltung bedingten Emissionen zu
       verringern, die zum Teil auch schon Erfolge zeigen. So gibt der Verein
       „Land. Schafft. Werte“, der 2016 gegründet wurde und sich als Sprachrohr
       und Vermittler unterschiedlicher Meinungen und Interessen der deutschen
       Agrar- und Ernährungsbranche sieht, an, dass zwischen 1990 und 2020 die
       jährlichen Emissionen aus der Landwirtschaft um 24 Prozent zurückgegangen
       sind.
       
       Die ökologische Landwirtschaft hat sich bereits sehr viel früher um
       Lösungen bemüht. Diese Art der Produktion beruht auf dem Respekt vor den
       natürlichen Systemen und Kreisläufen und fördert den Zustand von Boden,
       Wasser und Luft, der Gesundheit von Pflanzen und Tieren sowie das
       Gleichgewicht zwischen ihnen.
       
       Auch in der Milchkuhhaltung geht sie andere Wege als die konventionelle
       Landwirtschaft. Das beginnt bereits bei der Haltung der Tiere – ihnen
       stehen größere Ställe zur Verfügung, und sie haben darüber hinaus auch die
       garantierte Möglichkeit zum Weidegang, der in der konventionellen
       Landwirtschaft eine freiwillige Leistung ist.
       
       Demeter-Höfe gehen sogar noch weiter: Sie lehnen die Enthornung von Kühen
       grundsätzlich ab, die häufig vorgenommen wird, um Verletzungen der Tiere,
       die zu eng gehalten werden, zu vermeiden. Dadurch brauchen die Rinder
       deutlich mehr Platz, der ihnen auch gegeben wird. So heißt es von Demeter:
       „Der Stall wird also an die Kuh angepasst und nicht die Kuh an den Stall.
       Und wir finden: genauso muss es auch sein!“
       
       Demeter-Höfe waren auch Pioniere bei der kuhgebundenen Kälberaufzucht in
       Milchviehbetrieben. Die rund vier Millionen Milchkühe in deutschen Ställen
       müssen jedes Jahr kalben, damit die Milchproduktion gewährleistet ist.
       Während die weiblichen Kälber zu Milchkühen herangezogen werden, ist die
       Verwendung der männlichen Tiere schwierig. Sie werden oft, auch in der
       Bio-Landwirtschaft, früh an Mastbetriebe verkauft. Und weil diese
       Mastbetriebe meist im Ausland liegen, erwartet die Kälber ein qualvoller
       Transport, den ein Teil von ihnen nicht überlebt.
       
       Dies wollte Anja Frey nicht hinnehmen. Die Landwirtin sah darin einen Bruch
       mit der Ethik und entschied sich vor vielen Jahren, auf ihrem damaligen
       Milchbauernhof die kuhgebundene Kälberaufzucht einzusetzen. Das bedeutet,
       dass die Kälber nicht, wie sonst üblich, sofort nach der Geburt von der
       Mutter getrennt werden, sondern in der Herde bleiben und von der
       Mutterkuh aufgezogen werden.
       
       Anja Frey gründete 2019 die „Bruderkalb-Initiative Hohenlohe“ für Bioland-
       und Demeter-Betriebe, der inzwischen zahlreiche Betriebe angehören. Die
       Balance zwischen Tierwohl und Ökonomie ist dabei nicht immer leicht zu
       halten, wie Anja Frey erklärt: „Die Aufzucht am Euter ist kostenintensiver,
       da das Kalb dabei sehr viel mehr Milch trinkt als bei der Fremdaufzucht.“
       Aber: „Diesen Aufwand gebietet der Respekt vor den Tieren.“ Die
       Bruderkalbinitiative stellt nach Aufzucht der Kälber bei ihren Müttern
       außerdem sicher, dass das Fleisch gut und regional vermarktet werden kann –
       sodass qualvolle Transporte vermieden werden.
       
       Einen neuen Weg beschreitet auch Ralf Loges, der seit neun Jahren auf dem
       Bio-Versuchsgut Lindhof bei Eckernförde ein Projekt der Universität Kiel
       zur ökoeffizienten Weidemilch koordiniert. Darin wurde für
       Schleswig-Holstein ein Bio-Weidekonzept entwickelt, das hohe
       Milchleistungen ermöglicht und in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit mit
       konventionellen reinen Stallhaltungssystemen mithalten kann. Darüber hinaus
       bietet es deutliche Vorteile bezüglich der Umweltwirkungen, insbesondere
       bei der Reduzierung klimaschädlicher Gase. „Das ganze System ist auf die
       Maximierung der Leistungen aus Weidefutter ausgelegt“, erklärt der
       Futterbauexperte. Die 110 Milchkühe des Betriebs beweiden kein Grünland,
       sondern Kleegras auf Ackerflächen. Im Vergleich zu intensiven Systemen mit
       überwiegender Stallhaltung und einer Fütterung auf Basis hoher Anteile an
       Maissilage und Kraftfutter hat Weidehaltung eine wesentlich bessere
       Umweltbilanz. Und auf die Qualität des Getränks Milch wirken sich solch
       nachhaltige Ansätze auch aus.
       
       31 May 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Cordula Rode
       
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