# taz.de -- berliner szenen: Pommes-Bude statt Weinladen
       
       Ich mag die Idee hinter Second-Hand-Klamotten, daher stelle ich auf Vinted
       regelmäßig eigene Kleidung online, die ich nicht mehr trage. Da es für die
       Umwelt nicht nur besser ist, gebrauchte Klamotten zu kaufen, sondern auch
       den Versandweg zu sparen, treffe ich mich meist mit Leuten aus Berlin zur
       Übergabe. So auch letzte Woche, nachdem ich auf Vinted eine Tasche verkauft
       hatte. Wie sich herausstellte, wohnte die Käuferin sogar in meinem Kiez.
       Ich schlug einen Weinladen als Treffpunkt vor, doch als ich zur
       vereinbarten Zeit, um 18 Uhr, alleine vor dem Laden stand, schaute ich in
       die Vinted-App und sah, dass ich eine Nachricht bekommen hatte: „Ich stehe
       gegenüber vor der Pommes-Bude, sorry, meine Kinder hatten so Hunger.“ Also
       lief ich über die Straße zur Pommes-Bude, sah in der Schlange eine
       zierliche Frau, die immer wieder zu einem Fahrrad mit Anhänger schaute.
       
       Ich konnte die Kinder nicht sehen, aber ich hörte sie schreien. Ich lief zu
       der Frau, die die Käuferin sein musste, und tippte sie von hinten an. Sie
       schreckte auf, und all ihr Kleingeld, das sie eben noch in ihrer Hand
       hielt, verteilte sich auf dem Asphalt vor der Pommes-Bude. Ich bückte mich
       mit ihr und wir begannen, die Münzen vom Boden aufzukratzen.
       
       „Sorry“, sagte ich, „ich wollte dich nicht erschrecken.“ Ich schaute der
       Frau in die Augen, sie wirkte sehr fertig. Der Frau schien die Situation
       unangenehm zu sein, sie sagte: „Das ist nicht immer so. Aber eigentlich
       essen sie genau um diese Uhrzeit zu Abend.“ Ich antwortete schmunzelnd,
       dass ich das total verstehen könne; wenn ich Hunger habe, werde ich auch
       unausstehlich. Sie gab mir dann das Geld, ich ihr die Tasche, wir
       verabschiedeten uns. Am nächsten Tag sah ich sie zufällig wieder. Ihre
       Kinder saßen ganz friedlich im Anhänger, nur ihre Augenringe waren noch da.
       
       Eva Müller-Foell
       
       16 May 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eva Müller-Foell
       
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