# taz.de -- berliner szenen: Im Frühling Ruhe bewahren
Zuerst höre ich nur ein Knistern. Ich nehme es wahr und ich nehme es nicht
wahr. Eigentlich versuche ich zu schlafen. Es ist kurz vor Mitternacht. Das
seltsame Knistern scheint nicht aus der Lunge zu kommen. Meine Atmung
funktioniert reibungslos. Trotz der leidigen Blütenpollen, die mich Tag und
Nacht verfolgen. Beruhigt schließe ich die Augen. Das Knistern ist weg. Für
einen Moment genieße ich das Unglaubliche, die Stille in einem Neuköllner
Hinterhof, höre mich aber weiter um. Mit einem Mal ist da ein Rascheln, als
würde trockenes Herbstlaub hin- und herbewegt. Das Rascheln wird lauter.
Was kommt als nächstes? Der Laubbläser des Hausmeisters? Ich muss das
Fenster schließen, es geht nicht anders. Ich sitze schon auf dem Bettrand,
als sich der vermeintliche Störenfried auf der Fensterbank zeigt. Der oben
eingerollte, buschige Schwanz macht das kleine Tier unverwechselbar.
Ich schlüpfe vorsichtig unter die Decke, um es nicht zu vertreiben. Ich
freue mich über seinen Besuch. Mutig springt es auf das Bücherregal.
Vielleicht um sich einen Überblick über die Räumlichkeit zu verschaffen, in
die es unvermittelt geraten ist. Will es womöglich bei mir einziehen? Ich
wäre unbedingt dafür. Das zauberhafte Wesen sitzt dort oben wie
angewachsen. Es scheint mich zu beobachten, testet meine Eignung. Ich muss
mich bewähren, darf es nicht verschrecken.
Leider passiert, was immer passiert, wenn ich im nahenden Frühling Ruhe
bewahren möchte. Ich kann seine Botenstoffe nicht für mich behalten. Ein
pompöser Luftschwall reißt ein Loch in die Beschaulichkeit des Augenblicks.
Selbst die vorgehaltene Daunendecke kann die Situation nicht retten. Als
ich die Augen voller Tränen wieder öffne, hat sich der neue Mitbewohner
längst aus dem Staub gemacht.
Henning Brüns
27 Mar 2025
## AUTOREN
(DIR) Henning Brüns
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