# taz.de -- berliner szenen: Als wäre er ihr eigenes Gewächs
       
       Die Luft ist raus. Seit beide Töchter ausgezogen sind, fühle ich mich wie
       ein ausgedienter Fußball, mit dem niemand mehr spielen mag. Ich liege am
       Spielfeldrand und blute innerlich vor mich hin. Na gut, das Bild hängt
       schief, aber egal. Ich leide. Darum ist dieser Text so wichtig. Ich
       verarbeite den luftleeren Raum in mir. Dabei sah am Anfang alles noch prima
       aus. Endlich hatten wir mehr Platz und sogar Zeit für uns. Vielleicht wäre
       auch alles anders gekommen, hätte nicht unbedingt der Neffe meiner Freundin
       bei uns einziehen sollen. Nach endlosen Mühen hat er ein sechsmonatiges,
       unbezahltes Verlagspraktikum erobert, leider aber nicht das Zimmerchen
       finden können, das der Entlohnung angemessen gewesen wäre. Die gute
       Nachricht ist, er fühlt sich pudelwohl bei uns, die schlechte Nachricht: Er
       würde höchst ungern wieder ausziehen, selbst wenn wir eine Bleibe für ihn
       fänden.
       
       Mit der Präsenz des Neffen zerschlug sich auch die zweite Hoffnung. Meine
       Freundin umsorgt ihren Neffen, als wäre er ihr eigenes Gewächs. An einem
       Tag wünscht er sich eine feste Beziehung, sie berät ihn. An einem anderen
       Tag glaubt er, ohne einen neuen besten Freund nicht existieren zu können,
       sie berät ihn wieder. Die Gespräche dauern Stunden. Als ich mich beschwere,
       sagt sie. „Du weißt doch selbst, wie schwer es ist, in dieser Stadt voller
       Arschlöcher Anschluss zu finden. Wir sind verpflichtet, ihn zu
       unterstützen, so gut wir können.“ Was heißt hier wir? Ihr heroischer Blick
       macht mich stutzig. „Blutest du denn gar nicht innerlich?“, frage ich sie.
       Sie schaut mich verständnislos an und legt mir ihre Hand auf die Stirn:
       „Also Fieber hast du nicht …“ Ich weiß nicht, vielleicht hat sie recht,
       vielleicht sollte ich mal dem Neffen den Ball zuspielen und abwarten, was
       passiert. Vielleicht spielt er ihn zurück. Henning Brüns
       
       27 Feb 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henning Brüns
       
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