# taz.de -- berliner szenen: Von Vögeln, Mäusen und Menschen
       
       Meine Nachbarn sind auf der Berlinale. Scheint’s ununterbrochen, sodass ihr
       Körnerhäuschen vorm Fenster vor Leere gähnt. Die von ihnen angefütterten
       Spatzen-Kohorten schlagen nun auf meinem Balkon auf und fordern
       unmissverständlich ihre Rationen ein. Jedes Tierchen auf eine andere Art
       die breite, zum Futterhaus führende Brüstung als roten Teppich, als Lauf-
       oder besser Hüpfsteg nutzend. Nicht immer zur Freude meiner gefiederten
       Stammgäste. Und so scheint sich mein Balkon in diesen Tagen zu einer
       Spielstätte der Berlinale gemausert zu haben. Der Vogelberlinale.
       Beflügelnd.
       
       In dieser Gemütsverfassung besuche ich den Massagesalon, in meiner Tasche
       die angebrochene Gutscheinkarte, die mir kürzlich ein schnitzelliebender
       Businessman so großzügig überlassen hatte. Beim Eintreten in den kleinen
       Warteraum seh ich, wie eine Kundin mit prädatorischem Kennerblick gerade in
       die Süßkramschale greift und flink Beute macht: eine Schaumzuckermaus. Mit
       roten Augen? frag ich sie amüsiert. Klar, meint sie, ist schließlich’ne
       Albinomaus. Stimmt. Ich angele mir zwei Colafläschchen, und gemeinsam
       wartend naschen wir.
       
       Diesmal begrüßt mich nicht die ruhige, junge Masseurin von neulich, sondern
       eine, wie sich zeigen soll, eher zupackende. Meine Zerrung quittieren ihre
       kräftigen Finger mit starkem Senkrechtdruck. Klingt schlimm, tut weh. Doch
       schnell begreife ich: Sie kennt meine Verletzung besser als ich. Und bei
       dieser Kärrnerarbeit bleibt ihr sogar noch Muße, mit mir mittels
       Zweiwortsätzen über dies und das herzhaft zu lachen.
       
       Auf dem Rückweg dechiffriere ich das Wort, das meine Lippen schon
       minutenlang vergnügt: Stemmeisenfingerthaimasseurin. Und erst jetzt merke
       ich, dass ich mich federleicht fühle.
       
       Felix Primus
       
       19 Feb 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Primus
       
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