# taz.de -- taz-lab-Kolumne weiter/machen #4: Auf unbestimmte Zeit
       
       > Wie fühlt es sich an, wenn jeder Tag der letzte in Deutschland sein
       > könnte? Unsere Autorin schreibt über die Ungewissheit dreier Kinder, die
       > mit ihrer Familie abgeschoben werden sollen.
       
 (IMG) Bild: Ferienausflug in die Kletterhalle: für alle Kinder eine sportliche Abwechslung zum Schulalltag
       
       [1][tazlab] | „Was, wenn sie inzwischen [2][abgeschoben] worden sind?“,
       sage ich und schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. Meine Kollegin und
       ich warten in dem Jugendtreff, in dem wir arbeiten. „Vielleicht sind sie
       auch einfach nur zu spät“, antwortet sie. Es sind Schulferien und wir
       wollen einen Ausflug in die Kletterhalle machen, aber drei Kinder aus der
       Gruppe fehlen.
       
       Die drei Geschwister sind vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Seitdem
       hängen sie fast jeden Nachmittag mit ihren Freund*innen bei uns rum. Nun
       soll ihre Familie abgeschoben werden. Deutschland sei laut der sogenannten
       Dublin-Verordnung nicht zuständig für ihr Asylverfahren, so steht es in dem
       Brief des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.
       
       Der Brief ist nichts anderes als ein „[3][Wir wollen euch loswerden]“,
       sauber verpackt in einem der berüchtigten gelben Umschläge des BAMF. Wer so
       einen Brief bekommt, kann jederzeit von der Polizei abgeholt und in ein
       Flugzeug gesetzt werden – ohne vorherige Ankündigung.
       
       ## Gefühle der Ungewissheit
       
       Auch die Kinder wissen das. Seit Erhalt des Briefes ist ihr Leben in
       Deutschland ein Weitermachen auf unbestimmte Zeit. Sie gehen weiterhin
       morgens in die Schule, kommen danach zu uns oder gehen zum Fußballtraining.
       Sie streiten sich weiterhin darüber, wer als erstes an die PlayStation darf
       und machen Pläne für die Ferien. Ohne zu wissen, ob sie bis dahin überhaupt
       noch hier sind.
       
       Manchmal erzählen sie uns, [4][wie sehr diese Ungewissheit sie belastet].
       Natürlich versuchen wir dann – so gut es geht – ihre Gefühle aufzufangen.
       Besser wäre vermutlich, es gäbe für derartige Situationen eine
       professionelle, psychologische Begleitung.
       
       Wenn wir uns nicht gleich auf den Weg machen, kommen wir zu spät zum
       Klettern. Ich schaue auf die Uhr, meine Kollegin nickt mir zu. Gerade, als
       sich eine Mischung aus Wut und Traurigkeit in mir breit macht, kommen die
       drei Geschwister zur Tür hereingerannt. „Mein Bruder hat verschlafen!“,
       erklärt die Jüngste.
       
       ■ Hier schreiben unsere Autor*innen wöchentlich übers „weiter/machen“ –
       das Motto des taz lab 2025.
       
       10 Feb 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!v=2f2702df-3697-433e-9d1d-48f733c77d1c/
 (DIR) [2] /Kirchenasyl-in-Bremen/!6063964
 (DIR) [3] /Migrationsdebatte-in-Berlin/!6063825
 (DIR) [4] /Indirekte-Kritik-an-Habeck/!6067711
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nisa Eren
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA