# taz.de -- orte des wissens: Das Wertvollste liegt unterm Dach
       
       > Die Klosterbibliothek Loccum nutzen nicht nur angehende Prediger:innen.
       > Sie birgt auch für Laien Preziosen wie Bibeln und Kräuterheilkunden des
       > 15. Jahrhunderts
       
 (IMG) Bild: Einer der Buchschätze in Loccum: ein Kräuterbuch von Hieronymus Bock aus dem Jahr 1545
       
       Nimm und lies! Dieser Ruf aus den Bekenntnissendes Augustinus lockt die
       Eintretenden am Infotresen der Klosterbibliothek Loccum. Mit sechs Büchern
       begann 1163 die Geschichte des niedersächsischen Zisterzienserklosters und
       der Bibliothek. Wie Bibliothekar Jörg Fiedler erläutert, wuchsen die
       Buchbestände langsam, da die Mönche vorrangig Landwirtschaft betrieben.
       
       Nachdem das Kloster 1593 evangelisch geworden war und keine Mönche mehr
       aufnahm, dient es nun seit 1820 als Predigerseminar. Mit der Ausbildung
       angehender Pastor:innen ging eine allmähliche Zunahme der Bücher einher,
       sodass selbst entlang der Flure Regale standen. Ein Bibliotheksneubau wurde
       dringend notwendig, zumal die Landeskirche Hannover aus Spargründen die
       Bestände in Hildesheim und Celle mit denen in Loccum abglich und
       zusammenführte.
       
       Der zwischen 2017 und 2022 errichtete Neubau glückte, da er sehr geschickt
       mit dem mittelalterlichen Klostergebäude verbunden ist, und führt die etwa
       120.000 Bücher erstmals auf drei Etagen zusammen. Wer die theologische
       Spezialbibliothek besucht, versteht, warum sie 2024 als „Bibliothek des
       Jahres“ ausgezeichnet wurde.
       
       Das Kalefaktorium, wo jetzt Freihand-Regale aus massivem Eichenholz stehen,
       war die Keimzelle der Bibliothek, so Fiedler: „Hier befand sich die
       Druckwerkstatt des Klosters, hier entstanden 1258 die ersten Bücher – weil
       der Raum beheizbar war.“ Mit klammen Fingern lässt sich eben schlecht
       drucken.
       
       Die Freihand-Bibliothek erstreckt sich auch aufs benachbarte Erdgeschoss
       mit Bänden zu Geschichte, Soziologie und Psychologie, ein Erbe der
       1968er-Bewegung. Die Neuerer jener Zeit sprengten allerdings nicht nur die
       Fachgrenzen: Sie stellten auch ein Auto in die Stiftskirche – als Götzen
       der Gegenwart. Das erste Geschoss wiederum versammelt Bücher zur
       Praktischen, Systematischen wie zur Allgemeinen Theologie und zur Pädagogik
       sowie Examensarbeiten und Examenspredigten der angehenden Pfarrer:innen.
       
       Das Kostbarste aber lagert unterm Dach des ehemaligen Klosters. „Je höher
       wir kommen, desto wertvoller werden die Bestände“, sagt Jörg Fiedler. Das
       Magazin II birgt die 59 Inkunabeln, 21 Handschriften und den umfangreichen
       Altbestand aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Ob die „Kölner Bilderbibel“,
       ein früher Druck von 1478 oder eine wunderbar illustrierte Kräuterheilkunde
       von 1545 – diese Werke können nur unter Aufsicht eingesehen werden.
       
       Predigerseminare aus fünf Landeskirchen senden ihre angehenden
       Pfarrer:innen hierher, die sich auf das zweite Theologische Examen
       vorbereiten und ihre Abschlusspredigt erarbeiten. Die Vikar:innen sind
       die Hauptnutzer:innen der Bibliothek und haben jederzeit Zugang.
       
       Interessierten Laien steht die Bibliothek immer dienstags oder nach
       Vereinbarung offen. Zwanzig Leseplätze ermöglichen konzentrierte Lektüre –
       Blicke auf Kloster und Priorgarten inklusive. Jörg Fiedler bekommt Anfragen
       aus ganz Europa und darüber hinaus: „Die Bibliothek ist weithin bekannt.“
       Und sie ist auf Zukunft konzipiert. „Wir können hier noch zehn Jahre Bücher
       unterbringen, dafür ist Regalplatz frei. Aber es ist fraglich, ob sich das
       angesichts digitalen Publizierens wie gewohnt entwickeln wird.“ 
       
       Auch die Studierendenzahlen der Evangelischen und Katholischen
       Religionslehre gehen dramatisch zurück. Umso wichtiger scheint die
       Klosterbibliothek Loccum für unsere „Gesellschaft ohne Gott“. Frauke Hamann
       
       10 Feb 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frauke Hamann
       
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