# taz.de -- berliner szenen: Schwarze Gans zum Fest
       
       Das triefnasse Grau der Straße schneidet mir Grimassen. Nur gut, dass ich
       am Wochenende die eigenen vier Wände nicht verlassen muss. Leider ist mein
       Kühlschrank anderer Meinung. Wenn ich sein Innenleben ernst nehme, komme
       ich nicht umhin zuzugeben, dass ich ihn vernachlässigt habe.
       
       Geplagt vom schlechten Gewissen verlasse ich die Wohnung. Noch dabei einen
       Mantel überzuziehen, stolpere ich über eine kleine Tanne, die meine
       Nachbarn vor ihrem Eingang geparkt haben. Was macht denn das Ding hier? Ein
       Treppe tiefer höre ich Kinder aus vollen Kehlen singen und auf Instrumenten
       experimentieren. Irgendwie kommt mir die Melodie trotzdem bekannt vor.
       
       Oh nein! Steht etwa wieder das W-Fest an? Ich habe das letzte noch gar
       nicht verdaut. Was war da gleich noch los? Eigentlich nichts Besonderes.
       Meine Freundin wollte unbedingt eine Gans im Ofen machen. Ich sagte, lass
       uns eine bestellen. Das ist einfacher, mein Ofen … Sie lächelte mir ins
       Wort und sagte, das komme gar nicht infrage, sie habe ein tolles Rezept von
       ihrer Oma. Bestimmt kannte die Oma einen Backofen wie den meinen nicht,
       sonst hätte sie das in ihrem Rezept berücksichtigt. Jede Tiefkühlpizza wird
       unten schon schwarz, obwohl der Belag obendrauf noch gefroren ist.
       
       Natürlich hatte ich Schuld, und natürlich hatte das Unglück nichts damit zu
       tun, dass wir uns kurz danach getrennt haben. Aber das ist alles Schnee von
       gestern. Heute muss ich meinen Mann in einem der überfüllten Supermärkte am
       Maybachufer stehen. Dabei schaffe ich es nicht einmal heil die Treppe
       hinunter. Auch die Nachbarn im ersten Stock – ganz liebe Leute – fanden die
       Idee prima, den W-Baum vor der Tür stehen zu lassen. Nur ist ihrer um
       einiges größer. Seltsam, dass ich den übersehen habe. Henning Brüns
       
       24 Dec 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henning Brüns
       
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