# taz.de -- berliner szenen: Leute von heute und morgen
       
       Ausgang Sonntagstraße am Bahnhof Ostkreuz. Ich warte am Gleis 8 auf meinen
       Zug ins Wochenende. Wie immer bin ich viel zu zeitig aufgebrochen. Um mich
       nicht hetzen zu müssen. Ich mag es nicht, mich hetzen zu müssen. Ich bin ja
       nicht auf der Flucht. Oder etwa doch? Mache ich nicht jedes Wochenende die
       Fliege vor dem Wahnsinn der Großstadt? Bin ich darum nicht auch heute
       schneller in die Pedale getreten als nötig? Egal, fest steht, ich muss mich
       wieder einmal in Geduld üben. Wenigstens kann ich machen, was ich gerne
       mache: Leute beäugeln. Die breite Treppe zu den S-Bahnsteigen ist dicht
       bevölkert. Der Bahnhof liefert Leute wie am Fließband. Mützenleute,
       Kopfhörerleute, Leute von heute, morgen oder gestern. Das Einzige, was sie
       verbindet, ist der winzige Augenblick, in dem ich sie wahrnehme.
       
       Vor der gut besuchten Ketwurst-Bude erkennen sich überrascht voneinander
       eine jüngere Frau mit Sonnenbrille im Haar und ein hünenhafter Mann mit
       Hund an der Leine. Der ebenfalls nicht kleine Hund hat einen riesigen Kopf.
       Er ist aufgeregt und springt an der Frau hoch. Die Frau erschrickt und
       versucht ihn mit beiden Händen abzuwehren. Der Mann ruft das Tier zur
       Ordnung, es gehorcht. Der Mann und die Frau lachen sich hilflos an,
       tauschen nervös aufgeregte Sätze. Beide scheinen verlegen zu sein.
       
       Plötzlich setzt die Frau die Sonnenbrille auf und hat es eilig,
       verabschiedet sich in Richtung Treppe. Der Mann bleibt stehen, schaut der
       Frau hinterher. Vielleicht überlegt er, ihr zu folgen. Vielleicht auch
       nicht. Der Hund gähnt und legt sich hin. Ihm scheint die Warterei nichts
       auszumachen.
       
       Mein Zug fährt ein. Ich muss mich beeilen. Um Zeit zu sparen, möchte ich
       unbedingt ganz vorn aussteigen, wenn ich in meinem Wochenende angekommen
       bin. Henning Brüns
       
       23 Oct 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henning Brüns
       
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