# taz.de -- Politik: Bürgermeister als Gesetzesbrecher
       
       > Das Klimaschutzgesetz verpflichtet alle Kommunen in Baden-Württemberg,
       > jährlich ihre Energieverbräuche zu melden. Doch etliche Städte und
       > Gemeinden pfeifen auf die Meldepflicht – zum Schaden von Klima und
       > Stadtkasse. Das soll nicht mehr länger folgenlos bleiben, fordert jetzt
       > der Landesnaturschutzverband.
       
 (IMG) Bild: Grüner Strom aus Sonnenenergie am Mobility-Hub der Stadtwerke Stuttgart, die zu hundert Prozent im Besitz der Kommune sind. Fotos: Jens Volle
       
       Von Jürgen Lessat
       
       Eigentlich steht alles klipp und klar im Gesetz: Bis zum 30. Juni jeden
       Jahres müssen Kommunen und Landkreise in Baden-Württemberg die
       Energieverbräuche, also den Verbrauch von Energieträgern wie Strom, Gas und
       Heizöl, in ihren Rathäusern und Ämtern, Schulen und Schwimmbädern,
       Betriebshöfen und Werkstätten auf einer digitalen Plattform des Landes
       veröffentlichen. Während die Landkreise der Verpflichtung fristgerecht
       nachgekommen sind, pfeift die Mehrzahl der Gemeinden und Städte auf den
       Paragrafen 18 des Klimaschutz- und Klimawandelanpassungsgesetzes (KlimaG
       BW). „Von den 1.136 Kommunen und Landkreisen im Land haben bis zum Stichtag
       547 ihren Energieverbrauch übermittelt“, bilanzierte Mitte Juli die
       zuständige Klimaschutz- und Energieagentur des Landes (KEA BW). Heißt im
       Umkehrschluss: 589 Bürgermeister:innen brechen das Klimaschutzgesetz auf
       Landesebene.
       
       Viele sind Wiederholungstäter. Bereits im Oktober 2020 wurde die
       Dokumentationspflicht im Rahmen einer Novelle des Klimaschutzgesetzes
       beschlossen. So sollten die Daten erstmals Mitte 2021 für das
       vorangegangene Berichtsjahr abgeliefert werden. Drei Jahre später haben
       sich nach einer internen Liste der KEA BW, die Kontext vorliegt, 89
       Kommunen noch nicht einmal auf der Online-Plattform registriert. Darunter
       auch die sonst bei Energiefragen sehr fortschrittliche Gemeinde Schönau im
       Schwarzwald, Sitz des Vorzeige-Ökostromanbieters EWS.
       
       Dabei ist das Ziel der Meldepflicht einleuchtend: sie soll die Kommunen
       sensibilisieren, die eigenen Energieverbräuche und damit sowohl Kosten wie
       Emissionen mehr in den Fokus zu rücken. Am besten durch ein
       Energiemanagementsystem (EMS), um Energie effizienter und nachhaltiger zu
       nutzen und damit den Klimaschutz auch auf kommunaler Ebene voranzubringen.
       Schließlich will Baden-Württemberg bis zum Jahr 2040 klimaneutral sein.
       
       ## Eine Million Tonnen CO2 könnten eingespart werden
       
       Dabei gehe es zunächst darum, Energieziele zu vereinbaren und natürlich am
       Jahresende zu schauen, ob diese erreicht wurden, beschreibt Claus Greiser
       von der KEA BW den Sinn jährlicher Meldungen. „Es ist gut zu wissen, was
       ich verbrauche und ob das in der Norm liegt“, beschreibt der Leiter Bereich
       Energiemanagement, dessen Team die eingereichten Daten aufwendig checkt und
       miteinander vergleicht. Das Prüfergebnis übermitteln die KEA-Expert:innen
       den Rathäusern in Form eines Kommunensteckbriefs.
       
       In der Regel ließen sich ohne Geld zu investieren durch einfache Maßnahmen
       die Energieverbräuche um zehn bis zwanzig Prozent senken, schildert
       Greiser, welche Wirkung etwa eine optimierte Heizungssteuerung haben kann.
       Erfahrungsgemäß sparen Kommunen mit funktionierendem Energiemanagement ein
       Viertel bis ein Drittel ihres Energieverbrauchs und damit auch der
       Treibhausgasemissionen ein. Im Auftrag des Landes hat die KEA BW gemeinsam
       mit den Energieagenturen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen das
       digitale Dokumentationssystem KOM.EMS entwickelt. „KOM.EMS kann man sich
       vorstellen wie eine interaktive Schritt-für-Schritt-Anleitung, die einen
       kommunalen Mitarbeiter oder ein kommunales Energieteam zum Aufbau eines
       Energiemanagementsystems führt“, beschreibt Projektleiter Frank Kuhlmey das
       Tool. Jeder einzelne Prozessschritt werde ausführlich und nachvollziehbar
       beschrieben. So könnten sich auch kommunale Mitarbeiter:innen, die sich
       zuvor nicht mit Energiemanagement auseinandergesetzt haben, schnell in
       dieses Thema hineinfinden und auch gute Erfolge erzielen, verspricht der
       Entwickler.
       
       ## Die Ignoranz der Gemeinden bleibt ein Rätsel
       
       Tatsächlich sind Meldungen auf der Plattform kein Hexenwerk. Für Kommunen,
       die bereits ein systematisches Energiemanagement betreiben, sei die
       Datenerfassung mit wenigen Arbeitsstunden zu erfüllen. Bei Kommunen, die
       noch kein EMS haben, hänge der Aufwand von der Zahl der Liegenschaften und
       der bereits vorhandenen Datenlage ab. Sind alle kommunalen Liegenschaften
       bereits gelistet, sei die Datenerfassung in wenigen Arbeitstagen zu machen.
       Nur Minuten dauere es, ein Profil bei KOM.EMS anzulegen. Die Plattform
       kostet auch nichts, „um eben auch hier einen möglichst großen Effekt in
       Sachen Klimaschutz zu erzielen“, so Kuhlmey.
       
       Warum dennoch so viele Gemeinden und Städte Pflicht und Frist ignorieren,
       bleibt ein Rätsel. „Wir haben alle Hebel gezogen, um die Kommunen zu
       unterstützen“, sagt Bereichsleiter Greiser. Seine Behörde habe
       Veranstaltungen organisiert, Anleitungen und FAQs auf der Homepage
       eingestellt, eine Hotline geschaltet. „Mir fällt nichts ein, woran es
       liegen könnte.“Der Landesnaturschutzverband (LNV) will sich damit nicht
       mehr länger abfinden. „Scheinbar interessiert sich ein erheblicher Teil der
       Kommunen nicht für ihre Energieverbräuche und Einsparpotenziale, trotz der
       hohen Energiepreise“, sagt Gerhard Bronner, Vorsitzender des Dachverbands
       von 37 Naturschutzvereinen im Südwesten. „Darunter sind mit Karlsruhe,
       Reutlingen, Leonberg, Heidenheim, Aalen, Offenburg und Schwäbisch Gmünd
       auch große Kommunen, von denen man anderes erwartet hätte.“ Besonders
       verwerflich findet Bronner, sich noch nicht einmal registriert zu haben.
       
       Für die meldefaulen schwarzen Schafe blieb der Gesetzesverstoß bislang ohne
       Folgen: Sanktionen verhängte die zuständige Kommunalaufsicht noch in keinem
       Fall. „Jeder Betrieb und jeder Steuerzahler, der seine Steuererklärung
       nicht rechtzeitig abgibt, riskiert einen Mahnbrief des Finanzamtes. Ist
       Energie und Klimaschutz ein so nachrangiges Thema, dass Versäumnisse hier
       hingenommen werden?“, fragt LNV-Chef Bronner.
       
       ## Jetzt reicht‘s dem Landesnaturschutzverband
       
       Mit Laissez-faire soll jetzt Schluss sein, fordern die Naturschützer in
       einem Brandbrief an das CDU-regierte Innenministerium. Auf
       Kontext-Nachfrage bestätigt ein Sprecher von Innenminister Thomas Strobl
       den Eingang des Schreibens, sieht das Ministerium allerdings nicht
       zuständig und schiebt den schwarzen Peter an die Regierungspräsidien und
       Landratsämter weiter. „Das Innenministerium hat das Schreiben des
       Landesnaturschutzverbands Baden-Württemberg zum Anlass genommen, die
       Rechtsaufsichtsbehörden nochmals auf die o. g. Bestimmungen hinzuweisen“,
       heißt es. Reagiert hat dagegen bereits die grüne Umweltministerin Thekla
       Walker: Säumige Kommunen durften zuletzt keine Gelder des
       Klimaschutz-Plus-Förderprogramms beantragen, etwa um zusätzliches Personal
       im Rathaus damit zu finanzieren.
       
       Kontext hat im Karlsruher Rathaus wegen säumiger Meldung nachgefragt. In
       der badischen Großstadt, in der pikanterweise die KEA BW ihren Sitz hat,
       sieht man sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Die Stadt Karlsruhe hat
       die Energieverbrauchsdaten der Jahre 2020 bis 2022 jährlich eingereicht.
       Dass die Abgabe meist nicht bis zum 30. Juni erfolgt, liegt an dem Umstand,
       dass ein Teil der Energieverbrauchsdaten jedes Jahr erst im Herbst
       vorliegen“, teilt ein Sprecher von Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD)
       mit. Deshalb sei in Absprache mit der KEA BW für die Abgabe der Daten des
       Jahres 2023 eine Fristverlängerung bis Ende September 2024 abgestimmt. Die
       doppelt so große Landeshauptstadt Stuttgart lieferte dagegen fristgerecht.
       Und warum die Stadt Schönau im Schwarzwald noch nicht einmal auf der
       Meldeplattform registriert ist, wollte Kontext von deren Bürgermeister
       Peter Schelshorn (CDU) wissen. Der ließ die Anfrage unbeantwortet.
       
       Mittlerweile meldeten einige Kommunen ihre Daten nach. Bis
       Redaktionsschluss haben 679 von 1.101 Gemeinden in Baden-Württemberg ihre
       Energieverbräuche online übermittelt.
       
       7 Sep 2024
       
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