# taz.de -- das wird: „Er ist nie schwarz-weiß“
> Zu Cartier-Bressons Geburtstag lädt das Bucerius Kunst Forum in seine
> Ausstellung ein
Interview Karima Küster
taz: Frau Baumstark, was ist besonders an Henri Cartier-Bressons
Fotografie?
Kathrin Baumstark: Dass seine Fotografien uns heute noch unter die Haut
gehen, liegt zum einen an ihrem Aufbau. Sie wirken wie ein Schnappschuss,
aber sind so präzise komponiert, dass sie oft genau im Goldenen Schnitt
liegen und unserem Schönheitsideal entsprechen. Gleichzeitig erfasst er den
entscheidenden Augenblick, der viele Geheimnisse birgt. Deshalb regen uns
die Bilder zum Nachdenken an. Außerdem macht ihn seine tief humanistische
Haltung besonders. Der entscheidende Bezugspunkt ist bei ihm immer der
Mensch. Die Liebe zu den Menschen findet sich in allen Bildern wieder.
taz: Wie zeigt sich das in seinen Fotografien?
Baumstark: In seinen politischen Reportagen erkennt man sehr viel. Er ist
nie schwarz-weiß, auch wenn seine Fotografie es ist. Er lässt viele
Grautöne zu. Es gibt beispielsweise eine Serie aus Dessau, in der man
sieht, wie eine Frau eine andere als ihre Denunziantin erkennt und sie
angreift. Es ist eine Art Täter-Opfer-Umkehr und wir stehen davor und
fragen uns: Was passiert da gerade? Was ist der Schmerz auf der einen
Seite, was der Schmerz auf der anderen? Diese Themen behandelt er häufig.
Wir haben auch eine Serie seiner Fotografien aus den USA, die bisher
relativ unbekannt war. Wir haben sie „Black and White America“ genannt.
Cartier-Bresson war damals in den Südstaaten und hat die Rassentrennung
fotografiert. Die hat ihn zutiefst schockiert, was auch in seinen
Fotografien sichtbar wird.
taz: Die Ausstellung verspricht einen speziellen Blick aufs Werk. Worin
besteht der?
Baumstark: Für uns ist es das Wichtigste, ihn als Fotografen mit Haltung zu
zeigen. Das wurde lange vergessen. Er war immer nur der Magnum-Gründer, der
große Fotograf, aber er ist unglaublich lustig. Er schafft Momente des
Menschlichen. In unserer Ausstellung zeigen wir seine Werke in einer
verwinkelten Architektur, um seine Straßenfotografie nachzuempfinden. Man
kann sich durch die Ausstellung treiben lassen und entdecken, wie er
gearbeitet hat. Dabei wollen wir natürlich auch seine Entwicklung zeigen –
von den Anfängen im Surrealismus über seine Reisen und seine politischen
Werke zu den Portraits.
taz: Wie bringen Sie die Facetten zusammen?
Baumstark: Alle Facetten dürfen für sich stehen, manchmal kann man sie aber
auch gar nicht so trennen. Cartier-Bresson hat beispielsweise ein sehr
schönes Portrait von Malcom X geschaffen. Das hängt bei dem Kapitel „Black
and White America“, blickt aber hinüber zu „Portraits“, weil es eben für
beides steht.
22 Aug 2024
## AUTOREN
(DIR) Karima Küster
## ARTIKEL ZUM THEMA