# taz.de -- Goretzkas Leiden
       
       > Der langjährige Nationalspieler besitzt in München trotz Vertrages bis
       > 2026 keine Perspektive mehr. Doch eigentlich will der 29-Jährige nicht
       > wechseln
       
 (IMG) Bild: Vielleicht gibt es in der Formel 1 einen Platz für ihn: Leon Goretzka im Juli 2024
       
       Aus München Maik Rosner
       
       Beim FC Bayern läuft mit dem neuen Trainer Vincent Kompany einiges anders
       als unter seinem Vorgänger Thomas Tuchel. Davon konnte sich das Publikum am
       Freitag überzeugen, als die Münchner beim Zweitliga-Aufsteiger SSV Ulm 1846
       durch ein 4:0 souverän in die zweite Runde des DFB-Pokals einzogen. Doch
       nicht allein die höhere Intensität im Spiel und das forcierte Pressing
       fallen als Neuerungen auf, sondern auch die veränderte Kommunikation.
       
       Geblieben ist eine Parallele: Wie schon 2023 wird Leon Goretzka auch in
       diesem August ans Herz gelegt, sich einen neuen Verein zu suchen. Diesmal
       aber nicht nur vom Trainer, sondern auch von Sportvorstand Max Eberl und
       Sportdirektor Christoph Freund. „Es ist so, dass wir mit Spielern ganz
       offen sprechen. Wir haben einfach einen sehr, sehr guten Kader. Wir haben
       im Mittelfeld nochmal nachgelegt, Joshua Kimmich kommt ins Mittelfeld
       zurück“, sagte Eberl zum Thema Goretzka, „die Spieler wissen, wenn ihre
       Situation schwierig sein kann. Das haben wir klar kommuniziert.“
       
       Kompany äußerte sich zwar allgemein, aber unmissverständlich. „Ich glaube,
       dass wir als Verein immer sehr, sehr deutlich sein wollen mit den
       Spielern“, sagte der 38 Jahre alte Belgier. Man führe diese Gespräche
       intern, „das heißt, wir machen das in unserer Familie. Kann ich das so
       sagen?“
       
       Auch wenn Kompany, der seine Deutschkenntnisse aus seiner Zeit als
       Innenverteidiger des Hamburger SV (2006–08) schnell wieder aufgefrischt
       hat, diese Frage aus sprachlichen Gründen stellte, hatte sie auch eine
       inhaltliche Berechtigung. Denn ein bisschen verstoßen dürfte sich der
       langjährige Bayern-Profi Goretzka schon vorkommen. Nachdem er nicht für den
       Kader für Ulm nominiert worden war, trainierte er für sich an der Säbener
       Straße.
       
       Auch am Wochenende wurde er dort gesichtet. Sein Leiden verstärken dürfte
       die quälende Frage, warum eigentlich dort, wo er jahrelang zum Stamm
       zählte, nun kein Platz mehr sein soll für ihn, erst in der
       Nationalmannschaft und jetzt auch beim FC Bayern.
       
       Am Dienstagvormittag, wenn die Münchner zu ihrem letzten Test gegen
       Grasshopper Zürich antreten, wird Goretzka wohl erneut nicht im Kader
       stehen. Zu groß ist die Konkurrenz mit Kimmich, Zugang João Palhinha,
       Aleksandar Pavlović, Konrad Laimer und Raphaël Guerreiro. Der frühere
       Bochumer und Schalker Goretzka, der 2018 ablösefrei von den Königsblauen
       zum FC Bayern übergelaufen war, erlebt gerade die wohl härteste Zeit seiner
       Profikarriere. Dabei liegt eine seiner besten Bundesligasaisons beim FC
       Bayern hinter ihm, misst man an Toren (sechs) und Vorlagen (je nach
       Zählweise sieben bis neun). Ohnehin will Goretzka eigentlich gar nicht
       wechseln, sein Vertrag läuft noch zwei Jahre.
       
       Zusetzen dürfte ihm die Situation auch deshalb, weil er sich stets
       vorbildlich verhalten hat und sein Horizont weiter reicht als nur bis zum
       nächsten Strafraum. Hinterfragt hat Goretzka das oberflächliche
       Fußballbusiness schon immer. Womöglich tut er das derzeit besonders. Schon
       nach seiner Nichtberücksichtigung von Bundestrainer Julian Nagelsmann für
       die EM hatte sich Goretzka in die Stille Norwegens zurückgezogen und fast
       schon demonstrativ Beiträge in den sozialen Netzwerken gepostet, in denen
       es nicht um Fußball geht.
       
       Die Kollegen fühlen mit ihm, der 57 Mal für die deutsche Nationalelf
       auflief (14 Tore) und 221 Mal für den FC Bayern (40 Tore). „Er hat keine
       einfache Situation gerade, aber er trainiert trotzdem wirklich exzellent“,
       sagte Thomas Müller, der in Ulm mit zwei Toren und einer Vorlage
       herausragte. Der 34-Jährige nutzte die professionelle Phrase, wonach es in
       einem Kader „immer wieder Härtefälle“ gebe, man werde sehen, was passiert.
       Aber Müller sagte auch: „Leon ist einer von uns. Er zeigt uns als
       Mitspieler, wie wichtig wir ihm sind, und das ist gegenseitig genauso da.“
       
       Auch Kimmich war von Tuchel im Sommer 2023 angezählt und später nach hinten
       rechts versetzt worden. Unter Kompany ist er ins defensive Mittelfeld
       zurückgekehrt, dorthin, wo er jahrelang ein Tandem mit Goretzka gebildet
       hatte. Aus Spielersicht könne er nur sagen, „dass ich es sehr gerne mag,
       mit Leon auf dem Platz zu stehen“, sagte Kimmich und betonte, „dass wir
       sehr gute Freunde sind. Dementsprechend tut’s mir für ihn ein bisschen
       leid.“
       
       Doch in München hat Goretzka keine Perspektive mehr. Angeblich zeigen der
       SSC Neapel und Atlético Madrid Interesse. Bis zum 30. August wird sich
       entscheiden, wie es weitergeht.
       
       19 Aug 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maik Rosner
       
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