# taz.de -- Die Welt zu Gast bei Ostwestfalen
       
       > Die kleine Stadt und der große Star: Bereits zum zweiten Mal in seiner
       > langen Karriere nächtigt Cristiano Ronaldo mit dem portugiesischen
       > Fußballteam in Harsewinkel. Unser Autor hat sich mal umgeschaut an der B
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 (IMG) Bild: So viel Euphorie kennt man aus Ostwestfalen gar nicht: Cristiano Ronaldo wurde schon 2006 enthusiastisch empfangen
       
       Aus Harsewinkel-Marienfeld Bernd Gieseking
       
       Bei den Quoten der Wettbüros für die Europameisterschaft steht die
       portugiesische Nationalmannschaft auf Platz 4, in einer kleinen Stadt im
       beschaulichen Ostwestfalen wünscht man sie sich derweil ins Endspiel. Denn
       während der EM residieren die Portugiesen in der „Mähdrescherstadt“
       Harsewinkel, wie sie auf dem Ortseingangsschild genannt wird, der Heimat
       des Landmaschinenherstellers Claas.
       
       Die Stadt Harsewinkel ist, mit Caesar gesprochen, omnis divisa in partes
       tres, in drei Teile geteilt. Erst eine Gebietsreform im Jahr 1973 führte
       Greffen, Harsewinkel und Marienfeld zu einer Kommune zusammen. Jeder der
       drei Ortsteile hat einen eigenen Sportverein, und man erinnert sich noch an
       frühere Fehden, als man sich gegenseitig weder Ball noch Tanzpartnerinnen
       gönnte. „Wenn Marienfeld gegen Harsewinkel spielte, dann war das wie
       Deutschland gegen Holland. Und wenn du gegen Harsewinkel verloren hast,
       dann wurdest du eine Woche lang in der Schule verarscht“, sagt Jürgen
       Garnschröder, Vorsitzender von Schwarz-Weiß Marienfeld.
       
       Heute aber neidet niemand mehr, und so gönnen der Westen und die Mitte dem
       östlichen Marienfeld die Stellung als Top-Gastgeber der Kleinstadt. Denn
       hier, auf dem weitläufigen Gelände eines vormaligen Zisterzienserklosters,
       liegt das Sporthotel Klosterpforte in größtenteils historischen Gebäuden,
       mit Restaurant, Fußballplätzen und der ehemaligen Klosterkirche. Selbst
       ehemalige Kanzler und Konsorten haben hier schon diskret und privat
       gefeiert, jedoch: What happens in the Klosterpforte, stays in the
       Klosterpforte. Das Personal gibt mir keinerlei Auskünfte darüber, was
       hinter den Hotelmauern konsumiert oder passiert sein könnte. Schlecht kann
       es jedenfalls nicht sein, denn die Portugiesen steigen schon zum zweiten
       Mal hier ab. Schon [1][zur Weltmeisterschaft 2006] weilten sie im Hotel
       Klosterpforte. Sollte ihnen der Coup gelingen, der Einzug ins Endspiel,
       dann schlafen sie von Mitte Juni bis Mitte Juli zwischen Baumalleen,
       Weizen- und Rapsfeldern in Hörweite der B513.
       
       Nur zehn Minuten Fußweg, die Klosterstraße und ein Stück am kleinen
       Flüsschen Lutter entlang, schon stehe ich auf dem Trainingsgelände von
       Schwarz-Weiß Marienfeld, top in Schuss durch viele Hundert Stunden
       Eigenarbeit, mit einem nigelnagelneuen Kunstrasenplatz aus 2023
       („Sportabzeichenfähig!“, sagt Jürgen Garnschröder) und zwei
       Naturrasenplätzen. Zu den 12 Abteilungen gehören auch Darts, Skat und das
       „Radteam Staubwolke“. Der Verein hat sagenhafte 1.500 Mitglieder, bei 5.179
       Marienfeldern. Die neueste Abteilung spielt Cornhole, auch Bean Bag oder
       Sackloch genannt. Kleine Säcke, mit Granulat oder Mais gefüllt, müssen in
       ein Loch auf einem leicht ansteigenden Brett geworfen werden. Zwei
       Mannschaften stehen sich an zwei Platten mit „27 Feet“ Abstand, 8,23 Meter,
       gegenüber.
       
       Doch zurück zum Fußball. Beide Herrenmannschaften des SW Marienfeld spielen
       in der Kreisliga B, aber in unterschiedlichen Gruppen. Der Aufstieg als
       Ziel? Ja, gerne, aber man habe sich entschieden, die sportlichen Ziele
       nicht zu hoch zu stecken. Man wolle „nicht Geld in die Hand nehmen und
       andere Spieler dazukaufen“, was der Weg in höhere Klassen mit sich bringen
       würde, sagt Vereinschef Garnschröder und erzählt begeistert von der
       Nachwuchsarbeit, von den 21 Kinder- und Jugendmannschaften allein im
       Fußballbereich, davon, dass die Abteilung sich entschieden habe, für den
       Breitensport vor Ort da zu sein.
       
       Zur Fußballabteilung von Schwarz-Weiß Marienfeld gehört auch ein Team des
       Walking Football. Natürlich stammt auch dieser Sport aus England. Eine
       Fußballvariante für Ü-50er und Menschen, die, warum auch immer, in ihrer
       Mobilität eingeschränkt sind. Die wichtigste Regel in dieser Disziplin: Es
       darf auf dem Feld nicht gelaufen, sondern nur gegangen werden.
       
       Portugals erster Besuch zur WM 2006 ist Jürgen Garnschröder in lebhafter
       Erinnerung geblieben. „Manchmal konnte man die Spieler auf dem Fahrrad an
       der Lutter entlangfahren sehen“, sagt er. „Aber wir durften keine Fotos
       machen.“ Garnschröders Augen leuchten, wenn er von Trainer Felipe Scolari
       („Der war damals sogar bei uns auf der Anlage“) oder vom damaligen
       Superstar Luís Figo spricht. Der gab zur WM 2006 nach seinem Rücktritt 2004
       sein Comeback. Nach den Wochen in Marienfeld – da sind wir zwei
       Ostwestfalen uns sicher – muss Figo entschieden haben, dass ein
       Turnieraufenthalt im Ostwestfälischen nicht mehr zu toppen sein werde und
       dass das Spiel um den dritten Platz der WM sein endgültiges Abschiedsspiel
       sein solle.
       
       Damals, 2006 spielte bei den Portugiesen auch [2][ein gewisser Cristiano
       Ronaldo] mit, ein 21-jähriger, aufstrebender Ballartist von Manchester
       United, der ein Tor in der Gruppenrunde gegen den Iran schoss und ein
       weiteres beim Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen England. Und der ist
       jetzt noch einmal da, nun ein 39-Jähriger im Spätestherbst seiner Karriere
       [3][und unter Vertrag in Saudi-Arabien]. Gut möglich, dass auch für den
       Superstar aus Madeira der Aufenthalt in der Klosterpforte in Marienfeld der
       Abschluss seiner 21 Jahre in der portugiesischen Nationalmannschaft wird.
       
       Hat es 2006 Kontakte gegeben zur portugiesischen Mannschaft? Zu diesem
       faszinierenden Ronaldo, dem zeitweise irritierend eitlen Pfau? Nein,
       erzählt Garnschröder, das hätten schon die intensiven Sicherheitsmaßnahmen
       verhindert. Er habe aber gehört, dass angeblich zwei portugiesische Spieler
       damals ein Golfmobil in der Lutter versenkt hätten. „Nicht wirklich
       spektakulär“, kommentiert er.
       
       Garnschröder hofft, dass „wir“ noch mal so ein toller Gastgeber sein werden
       und erinnert daran, dass 2006 zum ersten Mal deutsche Fahnen und
       Rückspiegelüberzieher in den Nationalfarben alltäglich gewesen seien. „Hier
       in Marienfeld und Harsewinkel hatten viele aber die portugiesischen Farben
       am Rückspiegel. Oder beide!“ Und wer wird Europameister? „Ich tippe nach
       Wunsch: Deutschland gegen Portugal im Endspiel, und dann soll Portugal
       Zweiter werden. Das würde uns Marienfelder am meisten freuen.“
       
       Zurück im Hotel Klosterpforte. Noch ist nichts zu spüren von den
       angekündigten Sicherheitsmaßnahmen. Ich spaziere über den Klosterhof zur
       Fußballanlage und gehe schließlich in die Kirche. Das vielleicht wichtigste
       Detail der Hotelanlage, und sicher ein zentrales Kriterium für Portugals
       Entscheidung pro Marienfeld, ist die auf dem Gelände beheimatete Gemeinde
       mit der ehemaligen Klosterkirche.
       
       Die hiesige Pfarrei St. Lucia, ehemals St. Marien, ist gerüstet und bereit,
       Segen zu spenden und Beichten abzunehmen. Gerüchte sprechen von einigen
       „Ausflügen“ der Fußballer damals, 2006, in die Umgebung, in nah gelegene
       Kneipen und Landgasthöfe. Mehr ist nicht zu erfahren. Auch heute noch, 18
       Jahre danach, hält sich nicht nur die Geistlichkeit in Harsewinkel streng
       an das Beichtgeheimnis.
       
       Auf Nachfrage zum Kirchgang sagt der heute leitende Pfarrer, Franz Josef
       Backhaus, seines Wissens nach habe 2006 Trainer Felipe Scolari mehrfach die
       Gottesdienste in der ehemaligen Abteikirche mitgefeiert. Und, ergänzt er,
       auch in diesem Jahr sei die portugiesische Nationalmannschaft mit
       Trainerstab und Offiziellen dazu herzlich eingeladen. Selbst einer Segnung
       – Einzel- oder Mannschaftssegnung – stünde nichts im Wege, wenn das
       gewünscht werde.
       
       Die Stadt Harsewinkel plant am 13. Juni im Klosterhof einen öffentlichen
       Empfang, eine Fanmeile für die portugiesische Mannschaft und ein Public
       Viewing des Eröffnungsspiels am Folgetag. Außerdem wird es am 14. Juni ein
       öffentliches Training der Portugiesen geben, im nur 12 Kilometer entfernten
       Ohlendorf-Stadion des FC Gütersloh. 6.000 Karten wurden kostenlos vergeben,
       im Online-Verfahren konnte man sich bewerben. 50.000 Interessenten
       schalteten sich zu, innerhalb einer Minute waren alle Karten weg.
       
       Im Grunde hat niemand in Marienfeld und niemand in Harsewinkel tatsächlich
       die Hoffnung auf ein direktes Zusammentreffen mit den Spielern. Aber, das
       könnte doch eine feine, große Geste der Portugiesen sein: Wie wäre es mit
       einem Walking-Football-Spiel der portugiesischen Nationalmannschaft gegen
       Schwarz-Weiß Marienfeld? Stürmer Cristiano Ronaldo gegen Verteidiger Jürgen
       Garnschröder. Ein Aufeinandertreffen für die Annalen. Ich tippe auf ein
       Unentschieden.
       
       8 Jun 2024
       
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