# taz.de -- Kroatiens Europabild: Eine Brücke zu Lidl
       
       > Die EU finanziert eine Verbindung auf die Insel Čiovo. Begeisterung über
       > Brüssel löst das nicht aus. Die Gemeinschaft wird seit je her skeptisch
       > gesehen.
       
 (IMG) Bild: EU-Geschenk vor malerischer Kulisse: Trogir und die Brücke auf die Insel Čiovo
       
       Sie ist schon ganz hübsch anzusehen, die fast einen Kilometer lange neue
       Brücke, die vom kroatischen Festland aus die Insel Čiovo an sich bindet.
       Vor Jahren noch quälte sich der Verkehr zur 15 Kilometer langen Insel über
       die alten Brücken [1][in Trogir], die jahrhundertelang das Festland, den
       auf einer kleinen Zwischeninsel liegenden mittelalterlichen Stadtkern und
       die Insel Čiovo zu einem Raum zu verschmelzen suchten.
       
       In den letzten Jahrzehnten aber bildete sich den ganzen Sommer über ein
       übler Stau an ebendiesen Brücken, der manchmal erst nach langen Stunden zu
       überwinden war. Wer Besorgungen machen musste, fuhr besser mit dem Boot, um
       das Festland oder Split zu erreichen. Welch ein Geschenk war dann die neue
       Brücke. Ein Geschenk der EU!
       
       Also wesentlich bezahlt mit EU-Geldern … die erste Baufirma ging pleite,
       eine österreichische. Man hörte viel über Korruption, was die örtlichen
       Politiker nicht daran hinderte, sich den Verdienstorden für den Bau der
       Brücke 2018 an die eigene Brust zu heften.
       
       Das europäische Geschenk wurde zur Brücke der „kroatischen Verteidiger“,
       also der kroatischen Armee, die 1995 die serbischen Truppen aus dem Land
       warfen, nicht aber zur Brücke der „europäischen Einigung“. Trotz der
       Geschenke herrschte zu jener Zeit eine arg negative Stimmung gegen
       Demokratie, Homoehen und überhaupt all die Freiheiten vor allem in
       Deutschland, wohin die Kroaten immer zuerst blicken, wenn es um Europa
       geht.
       
       „Wir wollen normale Ehen, Mann, Frau und Kinder, eure Freiheiten sind
       unkroatisch“, sagte damals ein etwas von Alkohol beseelter Nachbar aus dem
       Dorf Slatine mit Abscheu in der Stimme. Und lamentierte laut in der
       Hafenkneipe gegen die Istanbuler Konvention zum Schutz der Frauen. Er halte
       es mit der kroatischen Tradition. Mein ironischer Einwurf „Also dürft ihr
       wieder eure Frauen schlagen“, ging zum Glück unter, wer weiß, wohin die
       Fäuste sonst geflogen wären.
       
       Heute sind die Klagen leiser. Und es sind andere. Dass sich jetzt mit der
       Brücke Konsumenten aus Zagreb, Split und der Herzegowina auf der Insel
       drängeln, dass sich im Sommer Touristen aus ganz Europa an den Stränden
       aalen, bringt erst mal Geld. [2][Dass jetzt überall Häuser inmitten des
       Macchia-Waldes gebaut werden], dass die Küste leergefischt wird, dass die
       Motorboote der Touristen sogar die Möwen vertreiben, macht dann doch viele
       nachdenklich. Anton, früher Matrose, [3][heute Maurer], der mit seiner
       Arbeit gut verdient, beklagt, dass niemand mehr die Felder bearbeitet. Das
       lohne sich angesichts der Importe nicht mehr.
       
       „Was hatten wir früher für Früchte, Frühkartoffeln, jetzt schon Tomaten,
       Mangold“, sagt die Rentnerin Mara, jetzt müsse man das alles in den
       Supermärkten kaufen. Auf dem Gemüse- und Obstmarkt in Trogir „kriegt man eh
       nichts Richtiges mehr“. Die Händler würden die in Plastik verpackte Ware
       bei Lidl einkaufen und diese dann als einheimische Produkte verticken.
       
       Čiovo, so scheint es, liegt jetzt mitten in Europa.
       
       12 Jun 2024
       
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