# taz.de -- Gesellschaft: Vom Krypto-Werber auf die Anklagebank
> Beim Reichsbürgerprozess in Stuttgart-Stammheim sitzt auch Alexander
> Quade auf der Anklagebank. Bekannt ist er als QAnon-Anhänger aus der
> Corona-Zeit. Und als Vermarkter von OneCoin, einer erfundenen
> Krypto-Quatsch-Währung, die eine Frau aus dem Schwarzwald reich werden
> ließ.
(IMG) Bild: OneCoin-Büro Sofia, Bulgarien, 2016. Foto: Ronny Martin Junnilainen, CC BY-SA 3.0
Von Martin Himmelheber
Montag, 29. April. Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart hat der erste
Prozess gegen die Reichsbürgerverschwörer um Heinrich 13. Prinz Reuss
begonnen. Neun Männer sitzen auf der Anklagebank. Sie sollen den
militärischen Arm der Gruppe gebildet haben, der die Planung eines Putsches
vorgeworfen wird. Zu ihnen gehört auch Alexander Quade. Die Hände in
Handschellen auf dem Rücken gefesselt betritt er den Gerichtsaal. Ein
Justizbeamter hält eine orangerote Mappe vor sein Gesicht. Quade trägt eine
hellgraue Daunenjacke, sein hellblaues Hemd spannt etwas über dem Bauch.
Die graumelierten Haare sind akkurat gescheitelt. Quade spricht nur kurz
und beantwortet die Frage, ob er aussagen möchte. Anders als die meisten
seiner Mitangeklagten hat er im Publikum „keine family and friends“, wie
taz-Korrespondent Benno Stieber beobachtet hat.
Laut Generalbundesanwalt agierte der aus Hessen stammende Quade als
„Sprachrohr“ der Gruppe. Auf seinem Telegram-Kanal habe er
„verschwörungstheoretische Inhalte im Internet verbreitet“. Er habe vom
bevorstehenden Einschreiten der „Allianz“ berichtet. Das sollte das
Startsignal zum Losschlagen für die eigene Gruppe sein. Nach der
„Machtübernahme“ sollte Alexander Quade den Bundeswehrsender „Andernach“
übernehmen und einen eigenen TV-Sender für Propagandazwecke gründen, heißt
es in der Anklageschrift.
Quades Berliner Anwalt Khubaib Ali Mohammed sagte dem „Stern“ Ende April,
Alexander Quade (auch der Stern nennt seien vollen Namen) habe „mit Militär
und Waffen nichts zu tun“ gehabt. Er sei auch kein Reichsbürger: „Mein
Mandant sagt ganz klar, dass er kein Reichsbürger ist. Er bestreitet die
Existenz der Bundesrepublik Deutschland keineswegs und akzeptiert unser
Rechtssystem.“ Ob das stimmt?
Quade, Jahrgang 1965, ist verheiratet, hat zwei Kinder. Studiert hat er
nach eigenen Angaben Ingenieurwissenschaft, Wirtschaft und Finanzen. Nach
dem Studium habe er unter anderem Investment-Fonds im Network Marketing
verkauft. Außerdem sei er ein „zertifizierter System Business Coach.“ Bis
vor wenigen Jahren hat Alexander Quade auch die angebliche Kryptowährung
„OneCoin“ im Internet und in Videos beworben.
## Quade und OneCoin
„OneCoin“ ist ein milliardenschwerer Schwindel im Schneeballsystem, auf den
weltweit mindestens 3,5 Millionen Menschen reingefallen sind. In
Deutschland sind etwa 60.000 OneCoin-Käufer aktenkundig.
Mit einem szenebekannten OneCoin-Werber, Martin Mayer aus Liechtenstein,
hat Quade sogar ein Buch geschrieben, „Cash Killer“. Und er taucht
gemeinsam mit ihm in einem Video auf und wirbt darin für OneCoin: Mayer und
Quade fachsimpeln darin im Februar 2020 über die Weltwirtschaft während
Corona. Sie stellen fest, obwohl die Wirtschaftsleistung zurückgehe,
stiegen die Aktienkurse. Der Grund sei, die Wirtschaft suche nach einem
„sicheren Hafen“. Und der sei eine neue, limitierte Welt-Kryptowährung.
„Für uns ist das natürlich OneCoin“, sagt Mayer – und Quade pflichtet ihm
bei: „That’s it.“ Am Ende fordert Quade die OneCoiner auf: „Keep your
Coins. Behaltet Eure OneCoins, verschwendet sie nicht für Lamborghinis oder
Häuser, bewahrt sie auf. Ihr werdet reich.“
In etlichen weiteren Videos im Frühjahr 2020 tritt Quade gemeinsam mit
einer anderen OneCoin-Verkäuferin, Nelia Müller, auf. Sie hat sich auf
Facebook auch „Nelly Diamond“ genannt.
Abgeleitet von „Black Diamond“, der höchste Stufe in der
OneCoin-Hierarchie. In einem Video Anfang April 2020, also zu Beginn der
Corona-Pandemie, behauptet Quade im Gespräch mit Nelia Müller, es seien
15.000 Reservisten eingezogen worden, um für Sicherheit in den Städten zu
sorgen und Sanitätsdienste zu leisten. Altenpfleger, Krankenschwestern,
aber keine Ärzte, wundert er sich. Er habe von einem Gespräch eines
weiteren mit „jemandem aus dem Stab des Bundeswehr“ erfahren, der habe
„wörtlich“ von „Kanonenfutter“ gesprochen. „Sehr merkwürdig“, raunt Quade.
Auf der morgendlichen Runde mit seinem Hund habe er seinen „Hundefreund
Wolfgang“ getroffen, der auch bei der Bundeswehr gewesen sei, und den
gefragt, wann denn eigentlich Soldaten im Inneren eingesetzt werden dürfen.
Hundefreund Wolfgang sagte: nur im „V-Fall“, dem Verteidigungsfall.
Bedeutungsschwere Pause. „Fand ich spannend“, sagt Quade. Müller spricht
von ihrem Zahnarzt, der seine Termine habe absagen müssen, aber er dürfe
„nicht näher drüber reden“. In den nächsten Zeiten sei da aber was mächtig
im Umbruch.
Wenig später berichtet Müller auf Youtube, ein US-Bekannter habe vom
damaligen US-Präsidenten Donald Trump einen Riesenauftrag für
Beatmungsgeräte für Säuglinge erhalten. „Wofür?“, fragt Nelia Müller. Und
weiß die Antwort: „Es geht um die geretteten Babys.“ Quade ergänzt, es gehe
um die 100.000 Kinder, die im Central Park in Erstversorgungsstellen
betreut würden und von Trump gerettet worden seien. Die beiden beziehen
sich auf das QAnon-Märchen von den angeblichen Eliten, die im Untergrund
New Yorks Babys Adrenochrome abzapfen, einen Stoff, der jung halten soll.
Später erklärt Quade im selben Video, er wolle nicht „in
Verschwörungstheorien reingehen“, aber ein Friedensvertrag nach den beiden
Weltkriegen „muss von einem Kaiser unterschrieben werden“. Der habe den
Krieg schließlich erklärt, so die Logik. Sie hätten nun die Nachricht
bekommen, am 20. April (!) 2020 werde „der Generalinspekteur der Bundeswehr
von den Alliierten eingesetzt werden und die Regierungsgeschäfte
übernehmen“. Der angeblich nur von einem Kaiser zu unterschreibende
Friedensvertrag ist ein Klassiker aus der Reichsbürgerszene.
Im Mai 2020 berichten die beiden von einer angeblichen Jalta-Konferenz, auf
der die Staaten neu geordnet würden. Da werde Putin denn auch „Gesara“
ausrufen. Das ist, in Kürze, eine Finanzverschwörungserzählung, wonach der
gesamte Geldmarkt neu geordnet werde, alle Schulden erlassen und alle sehr
viel Geld bekommen sollen. Das sei alles schon generalstabsmäßig
vorbereitet. Nach Putins Verkündung würden in allen 120 teilnehmenden
Ländern Neuwahlen ausgeschrieben, versichert Quade. Gleichzeitig
schwadroniert er in seinen Videos mit Müller von der Kryptonisierung und
einer allgemeinen Weltwährung, die die bisherige Währungen wie Dollar, Yen
und Euro ablösen würde. Und diese Kryptowährung kennen die beiden natürlich
gut: OneCoin.
## OneCoin und die „Kryptoqueen“ aus Schramberg
Sie unterhalten sich über die OneCoins, die sich enorm vermehrten. 50.000
Coins pro Minute. Damit seien die 420 Milliarden OneCoins, die in der
Blockchain drin seien, schon übertroffen. Das finden die beiden zwar
merkwürdig, sind aber froh, dass der Kurs für einen OneCoin bei 42 Euro
liege. Das alles im Übrigen, nachdem die Kryptqueen Ruja Ignatova schon
seit zweieinhalb Jahren von der Bildfläche verschwunden ist und ihr Bruder
in New York vor Gericht ausgesagt hatte, OneCoin sei ein Schwindel.
Gegründet hatte die Firma OneCoin die in Schramberg im Schwarzwald
aufgewachsene Ruja Ignatova im Jahr 2014 zusammen mit dem Schweden
Sebastian Greenwood, einem Verkaufsgenie aus der Multi-Level-Marketing-Welt
(Kontext berichtete). Bei diesen Pyramidensystemen verdienen die oben in
der Pyramide Stehenden immer auch an den Verkäufen ihrer Unter-,
Unterunter- und Unterunterunter-Verkäufer mit. Greenwood stand ganz oben,
nannte sich „ZeroZeroOne“ bei OneCoin, kassierte hunderte Millionen Dollar.
Inzwischen verbüßt er deshalb eine 20-jährige Haftstrafe in einem New
Yorker Gefängnis.
Ruja Ignatova hatte bei bombastischen Veranstaltungen für ihre
Kryptowährung geworben. Die selbsternannte Kryptoqueen ist am 25. Oktober
2017 von Sofia nach Athen geflogen. Seither ist sie spurlos verschwunden.
Das FBI setzte sie auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher.
Ihren jüngeren Bruder Konstantin Ignatov, ebenfalls in Schramberg
aufgewachsen, verurteilt der New Yorker Richter Edgardo Ramos im März zu
„time served“ (Strafe abgesessen), nachdem er dreieinhalb Jahre in
US-Gewahrsam verbracht hatte. Schnurstracks fliegt „Konsti Keks“, wie seine
Schramberger Jugendfreunde ihn nannten, nach Sofia zurück. Dort lebt er in
einer großzügigen dreistöckigen Villa, die ihm seine Mutter Veska
überschrieben habe, wie „Spiegel Online“ berichtet. Mitte April läßt er
sich in Berlin ein Tattoo auf den kahlrasierten Hinterkopf stechen:
„Invincible“ - unbesiegbar. Mit der Presse reden möchte er nicht: „Einem
Reporter knallte er die Tür vor der Nase zu“, schreibt der „Spiegel“.
Zurück zum Angeklagten Alexander Quade: Was er nach seinem Studium an der
Rheinischen Hochschule in Köln von 1994 bis 1998 beruflich gemacht hat, ist
schwer zu sagen. Auf einer Homepage bezeichnet Quade sich als Coach und
„Sparringspartner für Unternehmer“. In mehr als 100 Unternehmen habe er
seine „Fußstapfen hinterlassen“. In einem Video aus dem Jahr 2014
verspricht Quade, die „geheimem Strategien der weltbesten Führungskräfte“
zu verraten.
## Die OneCoin-Anhänger schotten sich nach außen ab
Zuletzt nennt er sich auf LinkedIn geschäftsführender Teilhaber der qwp
GmbH – unter anderem bot sie Training & Coaching an – in Wettenberg in
Hessen. Das Unternehmen hatte er im Sommer 2015 in Tettnang gegründet. Die
Firma ist allerdings im August 2022 „wegen Vermögenlosigkeit von Amts wegen
gelöscht“ worden, nachdem Quade schon 2019 die Liquidation beantragt hatte.
Für OneCoin hat Quade nicht nur Werbung gemacht, er hat laut Unterlagen,
die der Autor einsehen konnte, auch selbst mindestens eines der praktisch
wertlosen „Bildungspakete“ erworben, mit denen OneCoin neue Kunden wirbt.
Nun sitzt er auf der Anklagebank in Stuttgart-Stammheim. Für Prinz Reuß und
seine Truppe war er wegen seiner vielen Follower erst bei Youtube, dann auf
Telegram interessant. Mit seinen verqueren Geschichten zog Quade
zehntausende Leute an, einzelne Videos werden mehr als 100.000-mal
angeklickt. Dieses Potenzial habe Quade für die Reuss-Truppe erkannt,
schreibt die Bundesanwaltschaft: „Die aus seinen Online-Aktivitäten
stammenden Kontakte nutzte er zudem für Rekrutierungsbemühungen der
Vereinigung, was in mehreren Fällen auch erfolgreich war.“
Was haben die Reichsbürgerszene, QAnon und OneCoin miteinander zu tun? Die
jeweiligen Anhänger glauben an Unglaubliches. Die Reichsbürger an
irgendwelche dunklen Mächte, genauso wie die Anhänger von QAnon. Und die
OneCoiner? Die glauben an Reichtum, der aus dem Nichts kommt. Innerhalb der
OneCoin-Sekte gibt es Leute, die den globalen Finanzcrash erwarten – und,
dass OneCoin danach die Welt-Reservewährung wird. Wer den OneCoin-Fans zu
widersprechen wagt, wird als „hater“ abgekanzelt, ja bedroht. Und das
Verrückte: Obwohl die Gründerin Ruja Ignatova seit bald sieben Jahren
verschwunden ist, ihr Kompagnon Greenwood ein umfangreiches Geständnis
abgelegt hat, Rujas Bruder Konstantin sagt, bei OneCoin mitgemacht zu
haben, sei „der größte Fehler“ seines Lebens gewesen, obwohl sich viele der
früheren Top-Verkäufer inzwischen abgesetzt haben und bei neuen
Schwindelgeschäften mitmischen, obwohl die Medien hundertfach darüber
berichtet haben – es geht einfach weiter.
Im Hauptquartier von OneCoin in Sofia und im Ende Dezember 2023 neu
eröffneten zweiten Hauptquartier in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi
arbeiten die Betrüger weiter. Es werden „Bildungspakete“ verkauft, als sei
nichts gewesen. Nur einer ist definitiv raus: Alexander Quade.
25 May 2024
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