# taz.de -- berliner szenen: Die Guten und die Schlechten
       
       Gestern gesellte ich mich in die lange Schlange der Postbankfiliale in der
       Schöneberger Hauptstraße. Ich hätte noch eine ältere Frau überholen können
       auf dem Weg zum Ende der Schlange, ließ es aber sein. Plötzlich rief eine
       jüngere Frau, in Richtung der Schlange: „Sie haben Ihr Geld am Automaten
       vergessen!“ Dabei wedelte sie mit drei Fünfzig-Euro-Scheinen. Kurz
       reagierte niemand, alle schauten nur irritiert zu der Frau mit den Scheinen
       in der Hand, als sich die ältere Frau vor mir in der Schlange plötzlich an
       den Kopf fasste und irgendwas vor sich hin murmelte.
       
       Dann lief sie zur Frau mit den Scheinen und nahm sie kommentarlos entgegen.
       „Sind Sie nicht froh, dass ich die Scheine für Sie gerettet habe?“, fragte
       die jüngere Frau, die ein Dankeschön erwartete. Die ältere Frau bedankte
       sich dann auch und reihte sich wieder in die Schlange.
       
       Nach etwa einer Minute drehte sie sich zu mir um und sagte: „Wie konnte mir
       das denn eben passieren?“ Ich meinte, dass es ja schön wäre, dass es noch
       nette Menschen geben würde, die die Scheine nicht einfach selbst
       einstecken. „Das stimmt. Aber nett sind nicht alle“, antwortete die Frau.
       Dann erzählte sie mir, dass ihr erst vor ein paar Wochen der Geldbeutel in
       einem Supermarkt geklaut wurde. „Gleich hier auf der Hauptstraße!“ Sie
       erzählte: „Ich hatte einen kleinen Geldbeutel in meiner Potasche. Und als
       ich an der Kasse zahlen wollte, war der Geldbeutel einfach weg.“ Seither
       trage sie immer ihr Geld vorne in einer Bauchtasche, erzählte sie und
       zeigte auf ihre Tasche. „Na ja, immerhin sind solche Bauchtaschen gerade in
       Mode“, meinte ich, um sie ein bisschen aufzumuntern – vielleicht aber auch,
       um mich ein bisschen aufzumuntern. Eben dachte ich, es gibt auch noch gute
       Menschen. Und dann auch wieder nicht.
       
       Eva Müller-Foell
       
       18 Mar 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eva Müller-Foell
       
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