# taz.de -- Krieg im Osten der DR Kongo: Rebellen auf dem Vormarsch
       
       > Während internationale Truppen die Millionenstadt Goma schützen, erobern
       > die M23-Rebellen andere Gebiete. Kongos Armee setzt ihnen nichts
       > entgegen.
       
 (IMG) Bild: Ausrüstung und Moral bestens: M23-Rebellen, hier 2023 im Virunga-Nationalpark
       
       Kampala taz | Vom Kivusee zum Edwardsee erstreckt sich inzwischen das
       Gebiet, das die Rebellenbewegung [1][M23 (Bewegung des 23. März)] im Osten
       der Demokratischen Republik Kongo kontrolliert. Fast ohne Widerstand sind
       die M23-Kämpfer in den vergangenen Tagen durch die menschenleere
       Savannenlandschaft des [2][Virunga-Nationalparks] hinter den [3][Vulkanen]
       nördlich der Millionenstadt [4][Goma] durchmarschiert, wo sonst Löwen
       Antilopen jagen.
       
       Diese unbewohnte und geschützte Tiefebene erstreckt sich wie eine
       natürliche Grenze zwischen dem bewaldeten und hügeligen Verwaltungsbezirk
       [5][Rutshuru], wo die M23 an der Grenze zu Ruanda und Uganda ihre
       Hauptquartiere haben, und den dicht besiedelten Bergen hinter
       [6][Kanyabayonga] weiter nördlich. Quer durch dieses Gebiet führt eine der
       wichtigsten Handelsstraßen Ostkongos.
       
       Diese Gegend in der Tiefebene des Nationalparks, die nun von den
       Tutsi-geführten M23-Rebellen eingenommen wurde, galt bislang als Versteck
       für die ruandische Hutu-Miliz [7][FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung
       Ruandas)]. Sie verfeuern dort die Bäume des Nationalparks zu Holzkohle und
       nehmen damit enorm viel Geld ein. In der FDLR-Führungsriege tummeln sich
       noch immer zahlreiche Täter des Völkermords in Ruanda 1994, die damals nach
       Kongo flüchteten und dort die FDLR gründeten.
       
       Der Vorstoß in dieses FDLR-Kerngebiet gehört zur Strategie, bestätigt die
       M23 gegenüber der taz. Es zirkulieren sogar Gerüchte, FDLR-Präsident
       [8][Victor Byiringiro], mittlerweile über 70 Jahre alt, sei in den
       vergangenen Tagen auf der Flucht gestorben. Die M23 verneint gegenüber der
       taz, ihn ausgeschaltet zu haben.
       
       ## Armee spricht von einem „strategischen“ Rückzug
       
       Aus Kreisen der kongolesischen Armee heißt es wiederum, man habe einen
       „strategischen“ Rückzug angetreten, weil Stellungen in der heißen Tiefebene
       des Nationalparks nicht zu verteidigen sind. Dort gibt es keinen Tropfen
       Wasser und keine Fluchtmöglichkeiten. So konnten die M23-Kämpfer rund 40
       Kilometer bis in das Fischerdorf Vitshumbi am Südufer des Edwardsees
       einfach durchmaschieren, ohne einen einzigen Schuss abzugeben.
       
       Denn auch die UN-Blauhelme sind nach dem Rückzug von Kongos Armee nicht
       eingeschritten. [9][Ein Video], das auf den sozialen Medien viral ging,
       zeigt eine Handvoll UN-Blauhelme in ihrer Basis im Ort Rwindi, die sich
       hinter ihren Sandsäcken wegducken, während Hunderte Rebellen in einer
       langen Kolonne vorbeistolzieren.
       
       Den Rebellen ist es gelungen, bis an den Fuß des Berghangs vorzustoßen, auf
       dem das dicht besiedelte Gebiet weiter nördlich um Kanyabayonga liegt,
       sowie weiter westlich eine ganze Reihe von Kleinstädten wie [10][Mweso],
       Nyanzale und Kibirizi einzunehmen.
       
       Für Kongos Regierung ist dies ein harter Schlag. Seit Februar kontrolliert
       die Armee nur noch die Provinzhauptstadt Goma und das unmittelbare Umland
       bis zur Kleinstadt Sake weiter westlich; ringsum herrscht die M23 und hat
       Goma praktisch umzingelt. Die Kampfmoral der Armee sei am Boden, melden
       Quellen aus Militärkreisen.
       
       Die Militärführung in Kongos ferner Hauptstadt Kinshasa, wo seit den
       [11][Wahlen vom Dezember 2023] immer noch keine neue Regierung gebildet
       werden konnte, hat in den vergangenen Monaten sämtliche verfügbaren Kräfte
       und finanzielle Ressourcen mobilisiert, um den Vormarsch der Rebellen zu
       stoppen – offenbar vergeblich.
       
       Söldner aus Osteuropa wurden angeheuert, [12][Truppen aus Burundi] kamen
       dazu, lokale „patriotische“ Milizen ([13][wazalendo]) wurden in den Dienst
       der Armee gestellt. Über 3.000 Soldaten aus Südafrika, Malawi und Tansania
       sind rund um die Millionenstadt Goma postiert, als offizielle
       [14][Interventionstruppe der Regionalorganisation SADC
       (Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen Afrika)]. Statt Goma anzugreifen,
       erobern die Rebellen nun handstreichartig das Hinterland, wo sie niemand
       aufhält.
       
       ## Angola will Verhandlungen mit Ruanda einfädeln
       
       Bisher hat Kongos [15][Präsident Félix Tshisekedi] sämtliche Verhandlungen
       sowohl mit der M23 als auch mit Ruanda, das die M23 militärisch ausstattet,
       kategorisch abgelehnt. Doch in Anbetracht der Lage ist es nun Angola als
       Mediator der Afrikanischen Union (AU) gelungen, Tshisekedi und seinem
       ruandischen Amtskollegen Paul Kagame die Zusage für ein Treffen abzuringen.
       Dies gab Angolas Außenminister am Montag nach einem Gespräch mit Kagame
       bekannt.
       
       Unterdessen wird die humanitäre Lage immer schlimmer. Die Provinz Nord-Kivu
       zählte bereits zu Jahresbeginn 2,5 Millionen Kriegsvertriebene; nun sind
       über 200.000 dazugekommen. Hilfswerke melden, die Menschen in Gomas
       Vertriebenenlagern am Stadtrand hätten kein sauberes Wasser und nicht genug
       Nahrung. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) schlägt [16][in
       einem neuen Bericht] Alarm über die starke Zunahme der Zahl von Menschen
       mit Schusswunden in den Flüchtlingslagern. Nachts ziehen bewaffnete und
       unbezahlte Soldaten und Milizionäre durch die Camps, mehrmals sind Granaten
       in Flüchtlingslagern gelandet.
       
       Seit Dienstag ist Ramesh Rajasingham, Chef des humanitären
       UN-Koordinierungsbüros OCHA aus Genf, [17][in Goma zu Besuch], um sich ein
       Bild zu machen. Er bezeichnet die Lage als „dramatisch und komplex“.
       
       12 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /M23-Rebellenchef-ueber-Kongo/!5893776
 (DIR) [2] /Nationalpark-contra-Menschenrechte/!5606273
 (DIR) [3] /Drohender-Ausbruch-des-Nyiragongo/!5117434
 (DIR) [4] /Belagerte-Stadt-Goma-in-Kongo/!5992143
 (DIR) [5] /Bewegung-des-23-Maerz-in-der-DR-Kongo/!5891383
 (DIR) [6] /Krieg-im-Kongo/!5022885
 (DIR) [7] https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/tatort-kongo-prozess-deutschland/978-3-86153-871-4
 (DIR) [8] /68-69-Tag-FDLR-Unterstuetzerprozess/!5028868
 (DIR) [9] https://twitter.com/kabumba_justin/status/1766823316348711045
 (DIR) [10] /Kongos-Krieg-gegen-FDLR-Rebellen/!5021347
 (DIR) [11] /Wiederwahl-von-Felix-Tshisekedi/!5979529
 (DIR) [12] /Kaempfe-in-der-DR-Kongo/!5988881
 (DIR) [13] /Milizen-in-der-DR-Kongo/!5977887
 (DIR) [14] /Krieg-in-der-DR-Kongo/!5988389
 (DIR) [15] /Nach-den-Wahlen-in-der-DR-Kongo/!5984223
 (DIR) [16] https://www.icrc.org/fr/document/rd-congo-les-oublies-du-nord-kivu
 (DIR) [17] ttps://reliefweb.int/report/democratic-republic-congo/avis-aux-medias-visite-en-republique-democratique-du-congo-du-representant-du-bureau-de-ocha-geneve-et-directeur-de-la-division-de-la-coordination-des-operations-humanitaires
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Schlindwein
       
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