# taz.de -- was wir noch zu sagen hätten #8: Was Grenzen nicht sein dürfen
Du musst nur die Straße runterfahren, dann bist du in Frankreich“, erklärt
die Freundin, die ich letztens im Saarland besuchte. Wenig später sitzen
wir im Auto und fahren besagte Straße runter nach Sarreguemines. Beim
Überqueren der deutsch-französischen Grenze erinnere ich mich, wie ich als
Kind zum ersten Mal über eine Landesgrenze fuhr. Ich weiß noch, wie
enttäuscht ich war. „Man sieht ja gar nichts“, dachte ich. Kein Zaun, keine
Mauer, nicht mal eine Linie auf dem Boden. Eine Grenze, die man auf der
Landkarte sehen kann, aber nicht in echt? Das widersprach meiner kindlichen
Vorstellung.
Im Unterricht hatte ich über die ehemalige innerdeutsche Grenze gelernt,
die einst die DDR von der BRD trennte. Erlebt habe ich sie nicht, ich bin
zu jung. Aber ich wusste, dass die Grenzübergänge zwischen West- und
Ostdeutschland aus hohen Zäunen bestanden und von bewaffneten Soldaten
bewacht wurden. Das hatte damals mein Bild von Grenzen geprägt.
Dass Deutschland mal geteilt war, konnte ich mir nur schwer vorstellen. Und
auch jetzt finde ich Landesgrenzen noch immer ziemlich abstrakt.
Gleichzeitig ist ihr Einfluss ganz konkret. Die Grenze zu Frankreich spielt
für mich als deutsche Staatsbürgerin zum Beispiel kaum eine Rolle, wenn ich
sie im Auto überquere. Wie kann das sein, während im Mittelmeer Menschen
ertrinken, weil der „Schutz“ der europäischen Außengrenzen über ihr Leben
gestellt wird? Als wäre die Grenze eine Linie, hinter der unsere Werte und
Verantwortung plötzlich aufhören, hinter der Menschenleben weniger wert
sind. Ich weiß, dass Grenzen eine Form der Organisation der Welt sind. Was
sie nicht sein dürfen, ist eine Form der gewaltsamen Ausgrenzung, der
Abwertung, der Entmenschlichung. Nisa Eren
Hier schreiben unsere Autor*innen wöchentlich über den Osten. Oder was …
9 Mar 2024
## AUTOREN
(DIR) Nisa Eren
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