# taz.de -- Menschen sind wie Newsticker
       
       > Minsk, Odessa, Berlin: Stadtführungen des Vereins querstadtein stellen
       > neue Perspektiven und Verbindungen her
       
       Von Marielle Kreienborg
       
       „Solange man es nicht selbst erlebt“, sagt die geflüchtete Ukrainerin Anna
       Kurnosova vor dem Café Moskau in der Karl-Marx-Allee, „glaubt man nicht,
       dass so etwas im eigenen Land passieren kann. Hier in Berlin fühlt sich der
       Krieg sehr weit weg an.“ Davon, was zwischen dem Beginn der Invasion und
       heute geschah, erzählt die gebürtige [1][Odessanerin] und Mutter zweier
       Kinder auf einer zweistündigen, bebilderten Stadttour, die über ihre
       Lieblingsstraße, die Jüdenstraße in Berlin Mitte mit Sicht auf
       Nikolaikirche, Rotes Rathaus und Altes Stadthaus bis ans Rolandufer und
       damit zurück ans Wasser führt.
       
       Angekommen in Berlin, erinnert sich Anna, habe sie die enorme Großzügigkeit
       der Menschen ebenso überrascht wie die Bürokratie auf Schul- und
       Sozialämtern: „Ständig sagte man mir, man sei nicht zuständig. Ich solle zu
       jenem Amt gehen. Dort angekommen, erzählte man mir das Gleiche.“
       
       Annas Tour ist eine von zwei neuen politischen Stadtrundgängen des
       gemeinnützigen [2][Vereins querstadtein] zu Berliner Migrationsgeschichten.
       Die zweite leitet der 24-Jährige Exil-Aktivist Yauheni Huryn. Wie Anna ist
       auch Yauheni daran gewöhnt, dass Menschen in Deutschland mit [3][seinem
       Herkunftsland Belarus] nichts oder nur wenig anfangen können: „Sie nennen
       es Weißrussland. Aber Weißrussland existiert seit 30 Jahren nicht mehr. Ein
       Freund von mir wurde auf der Ausländerbehörde sogar gefragt, was ihn als
       Belarussen denn zu einer gefährdeten Person machte. Die Leute dort wussten
       von den Protesten gar nichts.“ Yauheni organisierte als Student während der
       Proteste im Jahr 2021 Streiks gegen das Lukashenko-Regime: „Eines Morgens
       klingelte das Telefon. Die Polizei forderte mich auf, aufs Revier zu
       kommen. Warum, sagten sie nicht. Keine 24 Stunden später saß ich im
       Flieger.“
       
       ## Symbol Tempelhofer Feld
       
       Minsk und Berlin, sagt er, den ein Besuch [4][einer anderen
       querstadtein-Tour] über Neukölln und Teheran zu einer eigenen Tour
       inspirierte, hätten architektonisch viel gemein. Seine Tour startet er
       deshalb rund um den sowjetisch geprägten Alexanderplatz mit dem Haus des
       Reisens und dem Haus der Statistik. Doch Berlin hätte ein zweites Gesicht,
       das Minsk fehlte: Diversität. Für den zweiten Teil der Tour fahren wir
       deshalb mit der U-8 bis zur Boddinstraße: Angebote wie Rad und Tat, ein
       Beratungs- und Veranstaltungsort für lesbische und andere Frauen im
       Neuköllner Schillerkiez, das den 5. Stopp unserer Tour markiert, suche man
       in Belarus vergebens. Sowohl das kulturelle wie auch das aktivistische
       Leben im Land lägen brach. [5][LGBTIQ*] würden unter fadenscheinigen
       Vorwänden verhaftet: „Offiziell ist es erlaubt, aber sie erfinden einen
       Grund. Und wenn du über Menschenrechte redest, verhaften sie dich auch.“
       
       Den Kontrast zwischen Berlin als freier Stadt und Minsk als Stadt in
       Lukashenko-Hand verdeutlicht Yauheni anhand des letzten Stopps: dem
       Tempelhofer Feld. „In Minsk hatten wir auch so einen Flughafen: Minsk 1.
       Aber während das hier ein demokratisch erkämpfter Ort für die Gesellschaft
       ist, wurde Minsk 1 gentrifiziert: Hässliche Häuser, die Lukashenkos Familie
       und serbischen Oligarchen, die von Interpol gesucht werden, gehören, und
       für viel Geld vermietet werden.“
       
       Yauheni bedauert das Kurzzeitgedächtnis der heutigen westlichen
       Gesellschaft: „Die Menschen sind wie Newsticker: Heute ist es
       Israel-Palästina und darüber vergessen sie die Ukraine. Belarus haben sie
       nach den gescheiterten Protesten sowieso vergessen, ebenso wie Syrien, den
       Iran, Sudan, Bergkarabach – falls sie überhaupt je was davon mitbekommen
       haben.“ Auch deshalb, so Yauheni, gehe er in seiner Tour, die pro Person 17
       Euro kostet, gegen das Vergessen seines Herkunftslandes vor.
       
       Touren können über [6][querstadtein.org] gebucht werden
       
       4 Mar 2024
       
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